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Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
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er spitzig. ,, Offen gestanden, ich spüre keine Neigung, noch länger zwischen Ihren Glastüren und Spitzendecken zu sitzen."

Das starke Kinn der alten Dame zitterte so sehr, daß Elger glaubte, eine Puderwelle auf ihren Busen fallen zu sehen.

,, So frech kann nur ein Nazi sein." Sie sah fast hilflos das slowakische Mädchen an. Der ungeladene Gast ver­beugte sich:

,, Sie haben recht", sagte er tief gekränkt. ,, Ich bin ein Nazi. Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens!" Er nahm seine Sportmütze und wandte sich zur Tür.

,, Junger Herr doch Flüchtling, von Flüchtlingskomitee", flüsterte das kleine Landmädchen eifrig. Ihre Dame war auf den Sessel neben dem Spitzenbett gesunken.

,, Wir brauchen doch Mieter, gnä Frau."

Das Mädchen rief Elger, der langsam die Treppe hinunter­ging, etwas nach, was er halb verstand.

Er war zu verärgert, um darauf zu hören.

Es muß zu Bubi Elgers Schande gesagt werden, daß er aus den so eklatanten Mißerfolgen seiner Zimmersuche keine weisen Schlüsse zu ziehen verstand. Wäre er ein Dichter gewesen, so hätte er das haẞerfüllte hagere Weib, den jungen Arbeiter, der den Stiefel schwang, und die unglückliche Dame, deren geliebtem Neffen faschistische Henkersknechte das Gesicht verstümmelt hatten, als künftige Figuren für einen Roman im zornschweren Herzen verwahrt. Er hätte alle für ihren Haß geliebt. So aber war er ein verzärtelter Junge aus Berlin , der in seinem bisherigen Leben an äußere Mißerfolge ganz und gar nicht gewöhnt war. Er nahm sie dem Schicksal einfach übel. Seine Gedanken über das, was er erlebte, waren logisch und vernünftig, aber die Gefühle, nach denen er handelte, waren die von Mamas einzigem Söhnchen, der alles auf sich bezog. Es wurde nichts aus dem verständigen Vorsatz, eine Elefantenhaut zu haben. In den

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