Diese gemeine Aussprache. Deitscher, Deitscher! Schrecklich so ein Nationalhaß. Menschenunwürdig. Auf Stühlen schläft sie. Ihm war ganz schlecht.
Das nächste Zimmer, das er zu sehen bekam, war am andern Ende der Stadt. Es war eine fensterlose Kammer hinter einer geräumigen Küche, die auf einen Lichtschacht ging. Die gescheuerten Dielen, die ärmliche Einrichtung, alles sah sauber aus, roch aber durchdringend nach Petroleum und Seife. Ein altertümlicher Schrank und zwei ebensolche Holzbetten mit getürmten, karierten Kissen füllten den Raum, der sogar etwas Anheimelndes hatte. Auf dem einen Bett saß ein starker, junger Mann. Er war gerade dabei, Stiefel anzuziehen. Vielleicht nicht uninteressant, dachte Elger. Der einfache, junge Mann gefiel ihm. Eine Weile mit so einem einfachen Menschen das Zimmer zu teilen? Warum nicht? Es zeigte sich indes gleich, daß der Mann nicht ,, einfach" war. Er erklärte in gut tschechischem Deutsch, das andere Bett sei frei, aber nicht für Deutsche .
,, Glauben Sie etwa, daß ich ein Faschist bin?" rief Elger ärgerlich. Der andere junge Mann trat den ersten Stiefel fest. ,, Das eben kann ich nicht wissen", sagte er. Sein dunkles, eckig geschnittenes Tschechengesicht sah von unten herauf den blonden, weichen Blauäugigen an. Er kniff die Augen: ,, Vielleicht sind Sie einer?"
,, Mein Gott, ist das ein Blödsinn!" brach Elger los. ,, Unvernünftig sind die Leute hier in Prag !"
,, So?" Der Tscheche sah mit seinen zusammengekniffenen Augen beharrlich weiter von unten herauf den Fremden an. ,, Sie sehen danach aus", meinte er.
,, Und wenn Sie's nun falsch sehen?" rief Elger scharf. ,, Hören Sie doch erst einmal, was man Ihnen zu sagen hat!" Der Tscheche hob auffallend langsam sein gespaltenes Kinn. Elger nahm sich zusammen: ,, Sie sind doch ein intelligenter, junger Mann", endete er wohlwollend.
,, Raus da, prtsch!" Der Stiefel, den der junge Mann noch nicht anhatte, schwebte in der Luft. ,, Bilden Sie sich ein,
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