Druckschrift 
Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
Seite
75
Einzelbild herunterladen

BUBI IN PRAG

EINE ERZÄHLUNG AUS DEM HERBST 1933

Ein kalter Morgenwind wirbelte bunte Platanenblätter über das eben erst gefegte Pflaster der Villenstraße. Eine lumpig gekleidete Straßenfegerin mit Besen und langstieliger Blechschippe sah mit schläfriger Verwunderung auf einen schlanken, jungen Mann in kurzem, weißem Trenchcoat, der die Straße heraufkam. Er hatte seinen feinbelederten Ruck­sack von den Schultern geworfen und blieb stehen. Seine Bewegungen waren ungeduldig und fahrig, wie die eines Menschen, den ein unerwartetes und schweres Ereignis aus dem Gleichgewicht gebracht hat; das kindliche Gesicht blaẞ und fürchterlich übermüdet; ein verwöhnter, schöner Junge. War er verrückt? Welcher Mensch knöpft sich mitten auf dem Gehsteig Mantel, Rock und Hemde auf und pustet sich, mit gespreizten Beinen stehend, verzweifelt auf die Brust?

Die Straßenfegerin näherte sich neugierig. Sie konnte gerade noch bemerken, daß das schneeweiße Hemd, das rasch über dieser Brust geschlossen wurde, blutig war. Bubi Elger, unter dem Blick der Alten kindisch erschrocken, bog eilig in die erste Querstraße ein. Es war dumm, denn es war ein Umweg, und er mußte unbedingt den Frühzug nach Prag erreichen. Teufel auch, er hatte sich wieder unbeherrscht benommen; eine Schande war es. Hätte ihn jemand so ge­sehen, es hätte schlimme Folgen haben können. Gerade hatte er geglaubt, seine Prüfung als Mann bestanden zu haben, diese grausigen zwei Nächte und drei Tage im SA- Keller. Er, Bubi Elger, hatte wie ein Held geschwiegen, bis er das Bewußtsein verloren hatte. Die zu Hause hätten gestaunt.

75