konnten Sie nicht erschießen?" Sie sprach fast gegen ihren Willen.
,, Aber meine Gnädigste. Erbfeinde! Franzosen." Er rief es fast mitleidig angesichts ihrer Verständnislosigkeit. ,, Jung waren wir. Und so ein Erlebnis: Macht über Menschenleben haben! Macht! Rache! Ein Machtrausch, wie wenn man da oben auf dem Roßberg steht, sehen Sie. Ja so kam ich ja drauf." Er verbeugte sich noch einmal tadellos. Noch immer lächelnd, setzte er sich an seinen Tisch zurück; ,, Fräulein!" rief er über die Schulter. ,, Jetzt bringen Sie mir aber Wein, eine Flasche Gumpoldskirchner."
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Die Künstlerin war unvermittelt aufgestanden. Ihre rechte Hand krampfte sich einen Augenblick um ihre Stirn. Mit eiligen Schritten, fast fliehend verließ sie den Vorplatz.
,, Zu was reden S' denn mit dem Latsch, dem eingebildeten?" raunte die junge Kellnerin ihr im Hausgang zu.
In der kleinen Kammer, in der sie sich häuslich eingerichtet hatte, ließ die Künstlerin, ganz gegen ihre Gewohnheit, ihr Malgerät lärmend aus den Händen fallen. Dieser Mensch hatte sie aus der Fassung gebracht. ,, Ein sattes Raubtier", dachte sie tief angeekelt. Sie fühlte, daß eine Art Entsetzen sie vom Wirbel bis zur Zehe erfüllte. Das Erschreckende an den Äußerungen dieses Landsmanns war, daß er ganz augenscheinlich kein Psychopath war. Offenbar handelte es sich bei diesem Menschen um eine Gesinnung, in deren man sich in gewissen Kreisen zum mindesten Deutschland nicht zu schämen brauchte. Das war also kein gräßlicher Einzelfall, sondern ein Typ. Mit Grauen sagte sie sich dieser Typ zweibeiniger Bestien lebt unter uns, freut sich frech seines Daseins. Heinrich Heines ,, Wintermärchen" fiel ihr ein.
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,, Der Himmel erhalte Dich, wackres Volk,
Er segne Deine Saaten,
Bewahre Dich vor Krieg und Ruhm,
Vor Helden und Heldentaten."
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