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Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
Seite
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,, Gnädigste, dort oben auf dem Gipfel war ich heut." Er zeigte stolz auf die Roßberge zu ihrer Rechten. ,, Hier mit Verzeihung 2115 Meter. Kolossal! Eine diesen Beinen Luft! Eine Aussicht!" Er kippte seinen Stuhl so stark, daß die Malerin glaubte, er würde fallen. ,, Jugend ist Trunken­heit ohne Wein!" deklamierte er. Vielleicht war er im Pri­vatberuf Studienrat? Er sprach ohne Pause. ,, Die groß­artigsten Momente des Lebens, wirklich, kommen einem da wieder hoch."

Plötzlich drehte er sich ganz zu der Dame herum und legte die Arme auf den runden Tisch zwischen ihnen. ,, Gnädigste haben eine fabelhaft schöne Figur. Sollte man gar nicht denken, nicht wahr, wie so ein Malkittel kleidsam sein kann; aber" Er schaute an seinem tipptoppen Kostüm herunter. ,, Aber so ein Touristenanzug ist schließlich was Ähnliches." Augenscheinlich gefiel er sich selbst unendlich. Die Malerin stand auf, wollte gehn. Der Kavalier streckte das Bein vor und hielt den Durchgang verrammelt: ,, Bitte, bitte, nicht gehen", bat er kokett.

In diesem Augenblick brachte die junge Kellnerin das Abendessen der Künstlerin. Das liebe, herzliche Mäderl nur anzusehen, war der Malerin eine Wohltat. Sie rückte er­leichtert beiseite. Aber statt sich zu ihr zu setzen, warf Midl aus dunklen Augen einen mißvergnügten Blick auf den Fremden. Sogar ohne zu grüßen ging sie ins Haus zurück.

,, Ja, an den Weltkrieg hab ich gedacht", sagte die un­erbetene Bekanntschaft und fuhr sich mit einer großen, ge­pflegten Hand über den Kopf. ,, Das waren noch gelebte Zeiten! Da ging's aus dem Vollen! Achtzehn war ich." Er trank ein ganzes Glas Wasser auf einmal aus. So wie Korps­studenten in den Kneipen in den offenen Mund Bier hin­unterschütten und dann den leeren Krug auf den Tisch knallen. Der glückliche Ausdruck seines Gesichts vertiefte sich noch. Er hob den Zeigefinger. Sie bemerkte einen ziem­lich kostbaren Ring daran und ein goldenes Armband unter der Manschette.

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