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Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
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den Gast. Es war ein stattlicher Tourist. Mehr als dreißig Jahre alt. Ein elegantes Sportkostüm betonte seinen auf­fallend guten Wuchs. Er war sichtlich erregt. Glänzende Augen bewegten sich lebhaft in dem großen Gesicht. Mit der graden Nase, dem stark entwickelten Kinn mußte er schön genannt werden. Der Malerin flößte aber dieser Mensch eine unbegründete, heftige Antipathie ein. Obgleich das den einfachen Sitten hier oben widersprach, ging sie ohne Gruß an ihm vorüber und ließ sich zwei Tische weiter nieder.

,, Gnädige Frau!" Er wartete kaum, bis sie sich gesetzt hatte. Mit einer wohlklingenden, lauten Stimme, die aber etwas Schauspielermäßiges an sich hatte, rief er sein ,, Gnädige Frau". Er hatte eine der leeren Sodawasser­flaschen, die vor ihm auf dem Tisch standen, ergriffen und hielt sie mit steifem Arm gegen den am Horizont aufragen­den Fernergletscher: ,, Gnädige Frau, ich sehe, Sie sind Künstlerin. Entschuldigen Sie. Ich muß es einem Menschen sagen: ich bin so glücklich!"

Die Künstlerin sah ihn ohne Freundlichkeit an. Worüber war dieser Mensch glücklich? Sie hoffte, er würde auf diesen Blick hin schweigen.

,, Ich bin berauscht", fuhr der Fremde ungestört fort. ,, Sie sehen, ich trinke Selters, gnädige Frau." Er beugte sich über den leeren, runden Tisch, der zwischen ihnen stand. ,, Ich habe einen Bergrausch"", flüsterte er strahlend. ,, Einen Rausch ohne Wein oder Bier. Tatsache, erstmalig in meinem Leben, gnädige Frau. Großartig ist doch sowas! Sie kennen das sicher. Aber ich ich habe es eben zum erstenmal.

,

Wissen Sie, ich bin ganz elektrisch."

Er reckte sehr ungeniert seine Arme und Beine. Immerhin ging von dem starken, männlichen Körper die Glut eines durch und durch mit vollen Lungen atmenden, gesunden Wesens aus. Schließlich ein Landsmann hier im Tiroler Ge­birge, dachte die Malerin. Nach seiner Aussprache war er ein Norddeutscher.

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