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Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
Seite
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DER mYH

Den Malkasten am Riemen schräg über der Schulter, die Staffelei unter dem andern Arm, den Griff des großen Mal- bretts in der Hand, kam eine junge, blondhaarige Person mit großen, ungleichmäßigen Schritten von Schotter auf Blöcke tappend, die letzte Strecke der kahlen Felsen her- unter. In der lautlosen Stille der Berghöhe war das Schep- pern ihres Malgeräts das einzige Geräusch.

Die Landschaft hatte hier, wo man das pflanzenlose Stein- meer hinter sich ließ, fast den Charakter eines groß ange- legten Parks. Aus tiefem Moos und Gras zwischen phan- tastisch geformten Granitblöcken ragten dunkle Zirbelkiefern auf, Silberpappeln und Birken. Unter dem ersten Baum, einer großen, dunkelgrünen Zirbelkiefer blieb die Malerin stehen. Von der heißen Mittagssonne erwärmt, strömten die Äste und die weinblau schimmernden Früchte einen schwe- ren, süßen Duft aus. Die Malerin betrachtete den Baum mit Entzücken; sog tiefatmend die harzgeschwängerte Luft ein. Glücklich ermüdet nach der Arbeit auf 1900 Meter Höhe, unfähig, im Augenblick starke Eindrücke aufzunehmen, konnte die Künstlerin aus tiefgehender Gewöhnung doch das Schauen nicht gänzlich lassen. Der Schaffensrausch der Morgenskizze, äußerste geistige Anspannung und erheben- der Genuß in einem, zitterte noch in ihr nach. In einer Art Verzauberung, begeistert halb, halb Geistes bar, sehend und nicht sehend, fühlend und gefühllos stieg sie langsam die Berghöhe hinunter. Als sie um den letzten Felsenvorsprung herumkam, bemerkte sie vor dem altvertrauten, einsamen Gebirgsgasthaus, dem höchst gelegenen des Tals, einen frem-

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