wieder allein, glücklich wippend, geht sie mit ihrem Kännchen in der Faust auf und ab.
Es wird langsam hell. In der ausgestorbenen Straße schlägt eine Turmuhr. Beim vierten Schlage rasselt ein schwerfälliger Wagen um die Ecke. Laufen kann das Pferd da augenscheinlich nicht. Eine Frau springt vom Bock und schlägt mit blaugefrorenen Fäusten gegen die geschlossene Rolljalousie des kleinen Ladens.
,, Komme ja schon", ruft es von drinnen, und in der sich von unten in ein immer größer werdendes Loch verwandelnden Ladentür erscheint ein kugelrundes, rotes Gesicht über der üblichen blauen Milchhändlerbluse. Drei große Zinkkannen werden vom Wagen abgeladen. Den beiden früh Aufgestandenen schlägt das Herz im Halse: Milch! Richtige Milch in drei Kannen!
Aufgeregt pendeln sie hinter jeder Kanne her, die die Kutscherin in den Laden trägt. Als die letzte steht, und die Frau ihren Block zum Quittieren herauszieht, macht der Geschäftsinhaber die Rolltür oben los. Genau vor ihren Nasen rollt sie herunter, und sie stehn draußen. Es scheint, daß der Mann sie gar nicht wahrgenommen hat, daß sie Luft für ihn sind.
Aber nach vier Jahren Krieg bemerkt kein kluger Käufer dergleichen kleine Unfreundlichkeiten. Frau Rasenack ist ja eine breite, starke Frau und durchaus keine Luft: sie hat die Rolltür schon wieder hochgeschoben, steht im Laden neben der Milchkanne; die Kleine geht hinter ihr.
,, Was fällt Ihnen ein, in aller Herrgottsfrühe?" fragt der rundliche Mann. Dieser Rundliche wird bald kein ,, Mann" mehr sein, sondern ein ,, Herr". Seit voriger Woche verhandelt er wegen Grundstück und Privatauto. Wohnung in einem anderen Viertel hat er bereits. Hat er etwa nötig, gnädig zu sein gegen Leute, die sich ihm nicht erkenntlich erwiesen haben? Solche, die morgens um sieben kommen, das sind die Richtigen! Das ist die Sorte mit Schein und Recht, die der Magistrat schickt. Gar nicht erst reinlassen...
5 Wentscher
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