Frau Lohmanns gutmütiges Gesicht zieht sich schief: „Nach'n Magistrat wolln Sie? Das lassen Se man, Rase- nack. Wegen Milch? Hat keen Zweck nich. Ihr Mann— er wird ja nich... wenn er nu aber doch... sehn Se mal, und es geht zu Ende mit ihm auf einmal? Nee, wissen Se, ich fürcht mich.“
Der schmale, geschweifte Mund der alten Plätterin, unter dem ein großes, weiches Kinn prangt, wird noch schmaler: „Menschenskind“, sagt sie langsam, ‚er liegt doch man bloß und schläft. Was ist denn da zum Fürchten? Milch ist das einzige, was er noch genießen kann. Ich geh. Natürlich geh ich.“
„Sie kriegen aber keene; ich sag’s Ihnen doch gerade.“ Die Nachbarin schüttelt ungeduldig den Kopf.„Müßt. er schon über siebzig' sein. Er kriegt eben nichts. Kinder über fünf kriegen auch nicht. Es is keene da eben“, und ganz nah am Ohr der Nachbarin, ‚was da ist“, flüstert sie,„wird verschoben. Könn Se glauben.“
„Und ich glaub es eben nich“; antwortet der Rasenack zu- versichtliche Stimme,„ich komm wieder mit Milch.“ Die Plätterin rafft ihr grauwollnes Umschlagetuch fester um ihren schweren, alten Körper.„Soll ich meinen Mann ver- dursten lassen im Sterben? Hat er mein Leben lang gesorgt, “ daß ich ne gute Tasse Kaffee hab gehabt, solang es eben is gegangen. Nee, nee, so was wird nicht gespielt; nich mal im Krieg. Ich bring Milch! Sie werden sehn, Lohmann, ich bring. Hier nehmen Se meinen Schlüssel.‘
Milchkanne und Schein fest in der klammen Hand, hastet die alte Frau unbeholfen über die Straße. Die alten Beine, dick und schwerfällig vom ewigen Stehen am Plättbrett, wollen sich nicht schnell bewegen lassen. Das weiße Bärt- chen über dem fast lippenlosen Mund wippt seltsam auf und ab. Ihre von der Plätthitze geröteten Augen blinzeln in der kalten Luft unter den zusammengewachsenen Brauen. Sie schiebt sich verzweifelt vorwärts. Nur schnell, nur bald zu- rück sein!—
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