Hand nach seiner Brusttasche. ,, Der Hauptmann schrieb uns", er will vorlesen, aber die Stimme versagt.
,, Der Hauptmann war gar nicht dabei", knurrt der Soldat. ,, Herr Riegel", fängt der Alte mit hoher Stimme an ,,, drei Monate haben wir auf Ihren Besuch gewartet. Wie ist mein Sohn gefallen?" Es klingt fast drohend. Zwei blaue Adern quellen an den Schläfen wie dicke Würmer auf. ,, Wie?" Er atmet laut.
Der andere schaut mit leicht verzerrtem Gesicht schief zur Decke. ,, Tot ist tot, Durchfall ist kein Charakterfehler, Herr Doktor. Was soll man da viel erzählen? Bei' ner Patrouille ist er geblieben."
,, Ich weiß", keucht der Vater ,,, aber wie, wie war es?- was hat er gesagt?"
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In der aufgeschobenen Tür stehen die beiden Frauen. Der Soldat mit dem schief zur Decke gehobenen Kopf wendet die Augen zu Boden, ohne sich sonst zu rühren. ,, Patrouille ist immer' ne ehrenvolle Sache, sagen die Herren Offiziere", meint er und kippt ein wenig mit dem Stuhl ,. auf dem er sitzt. Der alte Mann möchte ihn bei den Schultern packen, die Worte aus ihm herausschütteln. Aber er hält sich fest, wirklich fest mit einer primitiven Geste mit beiden Händen am Stuhl, wie beim Zahnziehen. Und der andere spricht: ,, Die letzten vier Tage war's besser mit ihm, weil wir nämlich abgeschnitten waren und nichts zu fr zu essen hatten außer Zwieback. Er wäre sonst ins Lazarett gekommen, hatte schon den Befehl. Aber was ist da noch Befehl? Wir hatten keine Verbindung mehr. Es ging ihm besser und na, da kam er eben auf Patrouille." Der Soldat steht auf: ,, Was wollen Sie denn noch wissen, Herr Doktor? Mehr weiß ich nun leider wirklich nicht, tut mir leid." Er hält seinem Bedränger die Hand hin, fast väterlich tut er das. Der frühere Oberstabsarzt nimmt die Hand nicht, er bleibt sitzen. ,, Sie wissen noch mehr", sagt er, im Sessel plötzlich wachsend, autoritativ; und der Soldat reagiert. Mit einem Achselzucken setzt er sich nochmals.
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