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Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
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Er spricht. Eintönig spricht er: ,, Vier Tage später haben wir ihn mit den zwei anderen aus dem Stacheldraht raus­gewickelt. Sie waren zwischen den Feuerstellungen hängen­geblieben, alle drei." Die Damen stehen steif. Der Alte sitzt ganz still. Die Unterlippe hängt tief unter dem Gaumen. ,, Wie ein Tier verreckt. Für die Kanonenkönige, Bank­magnaten und Kriegsgewinnler. Große Zeit!"

Der Doktor sieht aus, als ob er schliefe; aber er fragt: ,, Schwer verwundet? Tot?"

,, Die beiden andern hatten Schüsse. Der eine muß schon zwei Tage tot gewesen sein. Der andere lebte noch; starb

' ne Stunde später."

,, Und Oswald?" ,, Keinen Schuß?" ,, Lebte?"

Gleichzeitig, mit Entsetzen haben drei Menschen ihre Fragen ausgestoßen. Die Schiebetür steht offen; die Damen davor.

,, Er war tot. Aber noch nicht kalt. Schuß hatte er keinen. Ist einfach so zu Ende gekommen. Vor Schwäche, vor Hun­ger, hatte eben die ganze Zeit vorher kaum was zu essen bekommen."

In einem Nu steht die Mutter neben dem Vater. Der Sol­dat hatte ihn bei den Schultern gepackt und geschüttelt. Er glotzte zu abscheulich. Aber die verglasten Augen sind schon wieder normal; nur die Augäpfel bleiben rot angelaufen.

,, Entschuldigen Sie", sagt der alte Mann. In dem Augen­blick klingelt das Tischtelefon. Alle sehen mit Widerwillen auf den Apparat. Keiner nimmt den Hörer. Es schrillt, ein-, zwei-, drei-, viermal.

Im Drahtverhau, ohne Wunde, zwischen den Feuern hängt der Sohn. Fünf, sechs, sieben, acht. Er will sich heraus­drehen; der Stacheldraht wickelt sich fester; zerreißt ihm den Hals, die Schenkel. Links und rechts spritzen Granat­splitter. Das Telefon schrillt. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Wie Laokoon zwischen seinen Söhnen auf ihrem

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