Er spricht. Eintönig spricht er: ,, Vier Tage später haben wir ihn mit den zwei anderen aus dem Stacheldraht rausgewickelt. Sie waren zwischen den Feuerstellungen hängengeblieben, alle drei." Die Damen stehen steif. Der Alte sitzt ganz still. Die Unterlippe hängt tief unter dem Gaumen. ,, Wie ein Tier verreckt. Für die Kanonenkönige, Bankmagnaten und Kriegsgewinnler. Große Zeit!"
Der Doktor sieht aus, als ob er schliefe; aber er fragt: ,, Schwer verwundet? Tot?"
,, Die beiden andern hatten Schüsse. Der eine muß schon zwei Tage tot gewesen sein. Der andere lebte noch; starb
' ne Stunde später."
,, Und Oswald?" ,, Keinen Schuß?" ,, Lebte?"
Gleichzeitig, mit Entsetzen haben drei Menschen ihre Fragen ausgestoßen. Die Schiebetür steht offen; die Damen davor.
,, Er war tot. Aber noch nicht kalt. Schuß hatte er keinen. Ist einfach so zu Ende gekommen. Vor Schwäche, vor Hunger, hatte eben die ganze Zeit vorher kaum was zu essen bekommen."
In einem Nu steht die Mutter neben dem Vater. Der Soldat hatte ihn bei den Schultern gepackt und geschüttelt. Er glotzte zu abscheulich. Aber die verglasten Augen sind schon wieder normal; nur die Augäpfel bleiben rot angelaufen.
,, Entschuldigen Sie", sagt der alte Mann. In dem Augenblick klingelt das Tischtelefon. Alle sehen mit Widerwillen auf den Apparat. Keiner nimmt den Hörer. Es schrillt, ein-, zwei-, drei-, viermal.
Im Drahtverhau, ohne Wunde, zwischen den Feuern hängt der Sohn. Fünf, sechs, sieben, acht. Er will sich herausdrehen; der Stacheldraht wickelt sich fester; zerreißt ihm den Hals, die Schenkel. Links und rechts spritzen Granatsplitter. Das Telefon schrillt. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Wie Laokoon zwischen seinen Söhnen auf ihrem
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