bestellen, Herr Doktor." Müde zieht er sich langsam hinterm Tisch hoch, ganz blaß ist er. ,, Sie haben zwei Jungens verloren, das ist schlimm, sehr schlimm. Aber wissen Sie, was bei mir schlimm ist? Bei mir ist schlimm, daß zwei Jungens leben und' n Mädchen auch noch." Er atmet leicht pfeifend aus und setzt sich wieder. Mühsam schluckt er seinen Speichel. Sein geschweifter, dünner Mund krümmt sich nach unten und läßt die Backenknochen noch größer über den stoppligen Wangenlöchern ragen. ,, Jetzt haben Sie's. Hätten Sie mich gehen lassen, ich wollte ja gleich gehen. Mit verhauener Schnauze reden ist nicht jedermanns Sache, Herr Doktor. Wenn mich wer anzeigen will, mir egal. Denn wird so Schluß."
,, Trinken Sie einen Schluck, Herr Riegel." Der Doktor schüttet ihm ein und stürzt selbst ein Glas Wein auf einen Ruck hinunter.
Der Gast trinkt bedächtig und genießerisch. Er hält das halb ausgetrunkene Glas vor sich und schaut auf den dunkelroten Wein.
,, Wenigstens wissen Sie und Ihre Damen, wofür Sie Ihren Jungen verloren haben." Von den feuchten Lippen des Doktors kommt ein unartikulierter Laut. Seine breite, weiße Hand bleibt mit einer großen Geste in der Luft hängen. ,, Na immerzu. Sprechen Sie, sprechen Sie nur." Der Soldat wartet auf keine Aufforderung mehr. ,, Für wen halten wir den Kopf hin?" fragt er wild. ,, Für euch, bloß für euch." ,, Erlauben Sie mal" fährt der Sanitätsrat auf.
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,, Zeigen Sie mich an. Is mir recht. Ich sag's Ihnen ja. Sollen sie mich an die Wand stellen wie andere. Gibt noch mehr solche Käuze wie mich da draußen, Herr Doktor." Seine Augen funkeln und sein Mund zuckt. ,, Nicht genug? meinen Sie? Daß es nicht genug gibt? Das ist eben das Elend!"
Der Doktor hat Haltung angenommen. ,, Ich verstehe nicht, wovon Sie reden, Herr Riegel."
"
, Man keine Bange. Sie verstehen mich ganz gut."
4 Wentscher
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