Ein groß geschnittenes Profil hat er, der Soldat, dreißig wird er sein.
,, Das Bild interessiert Sie", sagt der Doktor.
,, Nee, gar nicht", sagt der Graue unhöflich, zeigt weiter seine Seitenansicht und betrachtet weiter das Bild. Dabei scheinen die Löcher in seinen Wangen sich noch zu vertiefen. Breit ist er, männlicher als der Junge. So wäre Oswald auch geworden. ,, Lieber, sehr lieber Herr Riegel", sagt der Doktor mit seiner weichsten Stimme ,,, vielleicht setzen wir uns mal? Bitte schön, Herr Riegel. Und Elise, Marga, setzt euch." Er geht voran zu dem ovalen Kirschholztisch in der Nähe des Fensters. Der Soldat schaut abrupt auf, sieht mit einem leeren Blick in dem großen, mit schönen Möbeln vollgestellten Zimmer herum und kommt langsam zum Tisch. Befreit sehen die beiden Damen einander an. Mit einem schnellen Augenwink kann der Doktor gerade noch verhindern, daß seine Frau nach dem Mädchen läutet.
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Jetzt also nach dem Jungen fragen. Fragen, stundenlang. Sein Blick streift die Gattin, die Tochter. Er schaut seinen Gast an. Der sieht steif auf seine abgewetzten Knie. Der und reden? Er beurteilt uns nach dem Treppenflur mit, echt Marmor'. Wenn der wüßte! Hart ist er und verschlossen, wie ich verdammt weich bin, denkt der Alte und fällt zusammen. Frau Elise zwinkert vor Unruhe mit den Augen. Wie alt ihr Mann aussieht! Wie er sich aufregt! Aber der Doktor beugt sich jetzt ruhig vor und fragt: ,, Wie haben Sie es zu Hause gefunden, Herr Riegel? Sie rauchen doch?" Er hält ihm ein Zigarrenetui hin. Und als keine Antwort kommt: ,, Alle guten Menschen rauchen." Um seine Augen kräuseln sich eine Menge kleiner, freundlicher Fältchen. Der Feldgraue richtet zum ersten Male einen Blick auf ihn aus großen, grünen Augen, die tief in zwei schräge Falten gebettet sind. Ein schöner Mann muß er vorm Krieg gewesen sein. Er nimmt mit seiner schweren, harten Hand die gebotene Zigarre und legt sie auf den Tisch. Sein magres Handgelenk ragt lang und nackt aus dem ausgefransten,
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