Druckschrift 
Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
Seite
36
Einzelbild herunterladen

Geizhals dem Landstreicher das Versprochene nicht zahlen wollte. Der Tenor war daraufhin ,, kränker" geworden und bestand auf seinem ärztlichen Attest.

,, Leider können wir Ihnen keinen Stuhl anbieten", sagte Bogi.

,, Ich kann stehen", antwortete Goldchen.

,, Nun?" Bogi sah den begehrten Knoppé schmunzelnd an: ,, Was antworten Euer Gnaden Fräulein Goldchen?"

Knoppé umgriff mit der Linken sein Kinn, sah das Mäd­chen von unten herauf an und schwieg.

Goldchen versuchte sich wieder in Überredungskünsten. Eine neue Pause entstand.

,, Fräulein", sagte der Landstreicher endlich ,,, wozu stren­gen Sie sich bloß für diesen alten Kerl so an?"

Das Mädchen wurde über und über rot.

,, Ich an Ihrer Stelle", endete der Rothaarige ,,, würde mir einen jüngeren und netteren Schatz suchen."

Goldchen setzte ihr Pincenez wieder auf, das von der Nase gefallen war. Ihre armselige Brust hob sich einmal schnell. Dann fuhr sie fort, ihren Auftrag auszuführen, als hätte Knoppé nichts gesagt. Als ihr schon gar nichts mehr einfiel, schwieg sie.

,, Wirklich, Fräulein", wiederholte der Landstreicher ruhig und ganz ohne Bosheit: einen jüngern und hübschern Schatz."

17

,, Herr Knoppé ist noch unentschlossen", sagte Bogi. Ob­wohl er das Ernsthafte dieses peinlichen Dialogs auch fühlte, verkniff er sich mit Mühe das Lachen. ,, Sie haben uns mitten im Schach gestört, Goldchen. Morgen ist auch noch ein Tag." Damit schob er die arme Abgesandte zur Tür hinaus.

Als Bogi am andern Morgen früh erwachte, schien die Sonne schon voll in die Kammer. Mit einem Satz sprang er aus dem Bett und vors Fenster. Schön war heute mal wieder der Morgen! Er räkelte sich fröhlich und dehnte die Arme.

36