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Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
Seite
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Für kleinere Bühnen würde es noch reichen; ich könnte... Wenn Sie wollen, könnte ich-"

Die Lippen des Landstreichers verschwanden gänzlich nach innen.

,, Hm, ja vielleicht-"

-

,, Haben Sie niemals Unterricht gehabt? Sie hätten doch Gönner finden müssen. Gibt doch genug Hyänen in den Theateragenturen, die auf große Solisten spekulieren."

Der Rothaarige zeigte seine schönen Zähne. ,, Ich habe sogar' nen Gönner gehabt. Ein Sänger, den Sie ganz be­stimmt kennen. Der verschaffte mir eine Stelle als Logen­schließer im Opernhaus in Berlin . Da sind sonst bloß Kriegs­veteranen, und ich war erst einundzwanzig. Mit vierzehn Jahren hatte ich auf den Märkten Körbe und Säcke ge­schleppt. Er entdeckte mich als Kohlenträger. Zu einer Malerin, mit der er ein Verhältnis hatte, brachte ich immer die Kohlen rauf.

Sehn Sie, ich habe alle Opern gehört den Winter damals, hinter der Tür. Was ich hörte, das konnte ich auch. Dann hat er mich zu seinem eigenen Lehrer geschickt und bezahlt dafür. Ich hatte damals eine Stelle als Verkäufer in einem Posamenteriegeschäft. Aber einen anständigen Anzug und ein sauberes Hemd auf dem Leib, das hatte ich nicht; und auch nicht satt zu essen. Ihnen muß ich nicht sagen, was das für einen Sänger bedeutet. Die Sänger und Sängerinnen, die pflegen sich doch wie die Nudelgänse. So möcht' ich auch gar nicht leben. Na ja. Und dann fuhr mein Gönner auf Gast­spiel nach Amerika . Einen Monat hatte er noch Geld an­gewiesen. Einen hat mich der alte Geizkragen umsonst unter­richtet. So phänumenal war ich eben nicht, wie sie gehofft hatten; na, und dann bekam ich gerade' nen Kehlkopfkatarrh. Wie ich wieder zur Stunde kommen wollte, ließ mir der Alte durch das Stubenmädchen sagen, er wäre krank. Aber als ich die Treppe runterging, hörte ich seine Schüler das kleine Terzett aus dem Figaro singen. Übrigens schlecht. Der Figaro

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