alle, die Gewichtigen, standen. Aber nicht der Tod durch den Strick, sondern die Freiheit sollte mir verkündet werden. Ich kam nach vorne.
,, Links raus die Entlassungen, rechts raus die Bestraften!" Meine Blicke fielen hinüber auf jene, die wieder an den Bock geschnallt oder an den Pfahl gehängt werden sollten. Meine Augen hefteten sich an einen dieser Züchtiger, die bereitstanden, die Verurteilten mit 25, 50 oder 100 Schlägen, wehrlos aufgeschnallt auf dem Bock, zu geißeln. Ein leidenschaftlicher Blick traf die, die das veranlaßten, traf die, die das ausführten, und ich wußte, nie werde ich dieses Bild vergessen, und wenn sich nun für mich mit der Entlassung der Ring schließt, so ist dies der letzte Schlußstrich unter das gewesen, was ich einst nicht wußte und nun durchleben mußte.
Ich stehe nicht als gebrochener Mann, wenn auch nicht stark und gesund, so doch klar sehend, entschieden, nunmehr an der Schwelle des Tores, das mir Freiheit verheißt.
Entlassung aus dem KZ.
Als dann die Dunkelheit der Nacht dem Tage wich, wartete ich mit vielen anderen, die mit mir heute das Lager verlassen sollten, am Brausebad. Die meisten wurden in andere Lager, Gefängnisse oder sonstige Strafanstalten überführt. Ein alter Lagerhase war dabei, der es über die Krankenstation fertiggebracht hatte, sein Lungenleiden so' darzustellen, daß sein angeblich kurz bevorstehender Tod ausschlaggebend für seine Entlassung war. Es war ein Frankfurter . Erst als er hörte, meine Schwiegereltern seien auch aus Frankfurt/ Main , taute er auf und aus einer gemimten Kränklichkeit sprach ein doch ganz wohliges Lebensgefühl und mit kneifenden Augen griente er, im unverfälschten Frankfurterisch erzählend, wie er es fertiggebracht habe, auf diese
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