sehr schöne Worte für meinen Abschied. Er sprach von der einzigen wahren, tiefgehenden und verinnerlichten Bindung, die er durch mich im Lager gehabt hätte. Ich sagte:„ Ich gehe nun und wir kommen einst zusammen. Ich glaube, wenn der Sterndeuter recht hatte, dann ist das so zu verstehen, daß Du, der Ältere, den Endkampf vielleicht hier erleben mußt und ich draußen, irgendwo draußen, die Knarre in der Hand und wer weiß, was man mir wohl bescheren wird. Aber eines weiß ich: wir sehen uns wieder und unter anderen Umständen als hier und in dem jetzigen Deutschland , dem Ausverkaufslokal einer einst hohen und hehren Kultur. Unser Suchen nach dem Lebendigen wird uns einst die Frucht bringen, wenn es so weit ist. Alles braucht seine Zeit für die Reife."
Und dann kam Willi dran, der in so bedrängten Verhältnissen mit seiner Frau war und mich ersuchte, mit ihr Verbindung aufzunehmen, die richtigen Worte für sie zu finden oder sie nach Möglichkeit selber aufzusuchen. Und dann kamen die vielen anderen. Schließlich kam ich selber. Es war allerhand vorzubereiten: Von der Effektenkammer den eigenen Häftlingssack in Empfang zu nehmen. Ja, nun wieder Zivilist werden, eigene Kleidung tragen, Hemd mit Kragen und Binder, einen Anzug, einen Mantel, das Haar scheiteln, all dies stand mir bevor, nach vierzehn Monaten Trennung von der Zivilisation und ihren Einrichtungen.
Dennoch wußte ich bis jetzt eigentlich nur aus der spaẞhaften Äußerung des Oberscharführers, daß ich die Freiheit wieder erlangen sollte. Ein Tag, eine Stunde, eine Minute, ja selbst eine Sekunde kann eine Ewigkeit dauern, wenn man etwas erwartet. Und so erwartete ich bei dem letzten Morgenappell am 5. Dezember, daß meine Nummer aufgerufen würde. Dunkelheit lag noch über dem Lager, als wir dazu antraten. Es war das einzige Mal, daß in den 14 Monaten meine Nummer vor den 25 000 durch das Sprachrohr laut ausgerufen wurde, um nach vorne ans Tor zu müssen, an das Pult, wo der Arbeitsdienstleiter, wo der Lagerkommandant, wo sie
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