allem die beliebte Frage dieser SS - Leute, warum einer ins Lager gekommen sei. Sie war tausende Male hier zu hören und es ist nicht zu beschreiben, wie sie es verstanden, die Nichtigkeiten, die die meisten ins Lager geführt hatten, in ein Staatsverbrechen zu verwandeln, und dann begannen die
Schindereien
Das Auskleiden war immer ein besonderer Anlaß zum Zeigen ihres Hohnes und Spottes. Naturgemäß waren die Ankommenden vielfach Wochen, ja Monate, unterwegs und ihre Wäsche und ihr Körper von entsprechendem Aussehen. Die Wäsche war nicht nur schmutzig, sondern vor allem blutdurchtränkt. Blau und rot angelaufene Striemen auf den Hinterteilen und Oberschenkeln, geschwollene Hoden, vernachlässigte Wunden aller Art, Eitergeschwüre, Ausschläge, Pusteln und Röteln, das tägliche Bild! Bei Menschen, die eben eine feine Gewandung ablegten und denen keiner, wenn er ihnen draußen im Leben begegnet wäre, die Merkmale der Grausamkeit in Deutschlands Haft- und Untersuchungsanstalten angemerkt hätte, konnte man von Züchtigungen herrührende Anschwellungen und Wundgebilde beobachten, wie man sich dies in derartiger Vielfalt und in so drastischen Auswirkungen und zahlenmäßig so häufigem Vorkommen kaum vorstellen könnte, hätte man es nicht tagtäglich mit eigenen Augen gesehen.
Aber auch rührende Zeichen demütiger Gottesverbundenheit hatten sich bis hierher durchgesetzt. Manch einer bat flehenden Blickes, gerade dies eine möchte man ihm lassen, dies sei sein Schutzpatron, oder er hatte eine goldene Kapsel mit einem Mutterbild oder ein Madonnenmedaillon, von dem er nicht ablassen wollte: Abgerissen wurde ihm dann das Kettlein und ein Schlag ins Genick oder in die Rippen traf ihn mit dem Ruf: ,, Schneller machen, Du Schwein hältst den Betrieb auf!" Mit einem Fluch auf die heiligen Zeichen oder familiären Requisiten mußte er sein Flehen büßen. Eheringe, die sich nicht vom Finger lösten, mußten unter allen Umständen entfernt werden und es ging brutal dabei zu. Zuerst tat man, als würde man mit Seife und Wasser den Versuch
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