In der ,, Entlausung" waren ein einfacher Tisch, eine Bank und weiter nichts erforderlich. In langen Reihen traten nun die aus der politischen Häftlingsabteilung kommenden Neuzugänge herein. Ich hatte nur in der jeweiligen Landessprache zu fragen, ob der Betreffende Wertsachen oder Wehrmachtspapiere, wie Wehrpaß, Soldbuch, Entlassungsschein der Wehrmacht , Wehrunwürdigkeitszeugnis, Wehruntauglichkeitspapiere und dergleichen mehr, bei sich trage. In dieser Weise gingen an mir im Laufe meiner Tätigkeit bei der Häftlingskasse Tausende und Tausende von Neuzugängen vorüber, oft in langen Nächten und bei daran anschließender Weiterarbeit am Tage.
Ich konnte so die Zugänge in ihren ersten Momenten des Lagerlebens beobachten und ihre weitere Entwicklung im Lager verfolgen, denn viele von ihnen begegneten mir immer wieder bei den sogenannten Auszahlungen der auf die Häftlingskontos eingehenden Gelder.
Eben noch der adrette, fein säuberlich gekleidete Herr Assessor, der Arzt oder der Arbeiter im Berufskittel, der Pfarrer im Priesterrock, Soldat, Offizier in Uniform, und in wenigen Minuten, entblößt aller bürgerlichen Würde, der KZ- Häftling ohne jeden Unterschied, einer dem anderen gleich! Ja, es war so, und diese Beobachtung machte man ganz allgemein, daß, je höher einer im zivilen Leben gestellt war, um so erbärmlicher und armseliger sah er dann im Lager aus. Waren doch im allgemeinen die Vertreter der gebildeteren Schichten die körperlich weniger Widerstandsfähigen und oft seelisch weniger Robusten, so daß sie also desto jämmerlicher und erbarmungswürdiger in dem Prozeß untergingen.
Selbstverständlich war bei dieser Aufnahme ein SS- Aufseher dabei und besonders in den ersten Monaten meiner Tätigkeit waren diese SS- Aufsichtsleute die gefürchtete und schreckenbringende Begleiterscheinung bei dieser sonst sachlich vorgenommenen Abgabe der Wertsachen und Papiere. Später änderte sich dann das Bild etwas infolge der schon erwähnten Unsicherheit der Gestapomaschinerie. Es war vor
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