Druckschrift 
Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
Seite
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Das war das, was man immer wieder hörte, wenn es nur die leiseste Berührung mit dem Worte SS gab: Verrat, Schwin­del, Korruption, Gemeinheit, Verachtung des Menschenlebens, hinterhältiges Morden. Das darf eigentlich auf keiner Seite dieses Manuskriptes fehlen und, mag auch die Zeit manchmal einschläfernd und ermüdend gegenüber all dem Geschehen ge­wirkt haben, es war eben so!

Hatte der kleine Häftling um eine Scheibe Brot das Werk­zeug oder den Stacheldraht, oder was es sonst gewesen sein mag, im Auftrag organisiert und zugebracht und wurde er dabei versetzt und verraten und ein tödliches Kommando er­wartete ihn, so war damit die Sache für die SS abgetan und sie brüstete sich ob ihrer sauberen Weste.

SS bekommt Angst vor dem Ende.

War es schon allmähliche Eingewöhnung, oder war es das Aufdämmern der Gefahr oder die Anspannung aller Kräfte in Deutschland : im Laufe der Monate wurde langsam ein Nachlassen der allzu arroganten Art der SS - Organe spürbar. Die Bewachung der Kommandos, die Lebensgestaltung auf dem Block, alles dies wurde langsam, aber doch merklich, immer mehr in die Hände der Häftlinge selbst gelegt. Ja, ein gewisser Einfluß auf die Lagerverwaltung durch die je­weiligen Lagerältesten machte sich mehr und mehr bemerk­bar. Manche Vorschläge drangen sogar von den Häftlingen selbst direkt bis zum Lagerältesten und dann wieder bis zum Lagerkommandanten vor.

Oder war es meine Stellung im Lager, die nur mir das so erscheinen ließ, da ich mehr oder weniger mit den Spitzen des Lagers in ständiger Berührung stand, soweit dies die Häft­lingsselbstverwaltung in Gestalt der mächtigen Schreibstube, der Effektenkammer und der Häftlingskasse mit sich brachte? Ich sprach mit Alfred über meine Empfindungen. ,, Ja, mein

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