Lieber, das ist das Umschönwetterbitten der SS! Langsam spüren auch sie, daß ihre Fäden, die sie gesponnen, ins Unglück und Verderben für sie selbst führen und manch einer möchte sich beizeiten sichern. Ja, da und dort bemerkst du, wie sie förmlich um die Gunst der Häftlinge buhlen. Hätte es das früher, ja selbst vor wenigen Monaten noch, gegeben, daß Blockführer so leise auftraten, wenn sie in den Block kamen, daß nichts geschah und ihr Besuch sich reibungslos abwickelte? Aber das ist nicht immer so!
Hast Du gehört, was gestern wieder passiert ist? Draußen in den Kommandos hatten sich einige in ein politisches Gespräch eingelassen. Sie wurden auf der Stelle erschossen. Ohne Verhör, ohne Verhandlung niedergeschossen! Und der SS- Kommandoführer wird heute abend beim Appell sein Loblied erhalten für diese Heldentat, für das Im- Keim- Ersticken politischer Debatten.
Du weißt, man hört so allerhand im Baubüro und mancher SS- Scharführer kann auch in unserer Gegenwart das Maul nicht halten. Ich erfuhr auf diese Art schon vorher, was man uns heute abend beim Appell erzählen wird. Unsicherheit ist es, Schwäche, die sich verrät, weiter nichts! Mit Wohlwollen hat das nichts zu tun, und ich glaube, die große Schlußapotheose im Lager wird sich erst noch abspielen und es gibt noch einmal ein furchtbares Gemetzel unter den Häftlingen! Aber dann wird es zu Ende sein mit der SS!
Zur Zeit ist es ihre Taktik, eine gewisse allgemeine Toleranz vorzutäuschen, dabei aber hin und wieder Exempel zu statuieren, um nach wie vor ihre Macht unter Beweis zu stellen. Manch einer mag sich täuschen lassen. Ich glaube nicht mehr daran. Es ist damit genau so, wie mit den großen Reden, die jetzt draußen von den politischen und militärischen Despoten gehalten werden. Es ist die Zeit einer großen Krise und ihre Auswirkungen spielen sich auch hier im Lager ab. Ein Teil des Personals ist auch für andere, immer noch neu entstehende Lager abgezogen worden und auch die SS muß einen Teil ihrer Leute für das große Aufgebot, das für die breiten
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