lösen wollte. Wenn man in der stickigen Luft der Bude tagsüber oder nachts auf den Holzpritschen lag, begegneten einem Augen, die so unsagbar weh und leidgetränkt schauen konnten, daß es einen immer wieder durchschauerte und durchrieselte. Kein Wort, keine Silbe war von vielen dieser Menschen zu erfahren. Einige nannten sie alte Böcke, alte Sonderlinge, aber sie brauchten nicht alt an Jahren zu sein. Das Lager hatte sie ganz geduckt und die tiefsten Tiefen ihres Innern der Selbstzerstörung nahegebracht.
Einen dieser Menschen kannte ich gut, bei ihm war es nur einzig und allein die Sehnsucht nach seiner Mutter. Nicht die physischen Schmerzen und die grauenhaften Qualen, die gerade er in seinem Kommando erlebte, nur das Band zu seiner Mutter, das auf so unnatürliche Weise durchschnitten war, trieb ihn immer wieder dazu, den Tod zu suchen. Es gab Tage, da war er leidlich zu sprechen. Andere Tage, da schien er mich kaum zu erkennen. Seine Augen gingen wirr umher. Er brach zusammen, und da er schon lange Jahre im Lager war, durfte er sich dann auf seinem Block aufhalten. Er nahm einen alten Strumpf und eine Nadel zur Hand und man konnte ihn den ganzen Tag beobachten, ohne daß er auch nur ein Wort aus sich herausbrachte, ohne daß er die Nadel bewegte, ohne daß er Nahrung aufnahm.
Anfangs hatte das seine Schwierigkeiten. Man versuchte ihn zu zwingen zu dem, was er nicht mehr konnte. Dann aber ließ man ihn mittags und abends auf einer Pritsche; dort saẞ er dann, wie vorher auf der Bank beim Tisch, am Rande der hölzernen Schlafstätte, mit seinem Socken in der Hand.
Der Tertius Gaudens dieser Situation war ein kleiner, gefräßiger Häftling, der eifrig die Psyche dieses Sehnsuchtskranken studiert hatte und seinen Kumpel spielte. Er hatte sich das Recht erfochten, dessen Mahlzeiten zu erhalten, und wachte sorgsam darüber, daß seine Pakete nur mit ihm geteilt wurden; dafür aber hielt er in Zeiten der schwersten Depression, in den Augenblicken des wahnnahesten Sinnierens treu zu ihm und hielt jede Belästigung von ihm fern. Zweimal suchte er den Tod im Draht und wurde gerettet. Ein Einzelschicksal, eine kleine der vielen tausenden Lagergeschichten. Jeder im Lager hat so seine Geschichte. Von diesem weiß man sie allgemein, von dem anderen weiß keiner ein Wort.
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