Druckschrift 
Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
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Sprache des Herzens, die wir finden und hochhalten müssen. Bei Alfred hingegen war es ein schmetternder, schreiender Ruf gegen all die Vorgänge im Lager, die nur zu deutlich das Versinken dieser Menschen bestimmten und jeden einzelnen der gleichen Gefahr aussetzten, wenn er nicht streng auf sich hielt und auch in seinem Umgang Selbstkontrolle und Skep­sis bewahrte. ,, Es finden sich zu viel ganz schlechte, im Laster verhärtete Menschen unter uns, und wir müssen uns vor ihnen hüten."

Mein Gegenargument war, daß meine Waffen im Kampf die Liebe und der Glaube seien und daß diese schließlich auch den Sieg davontragen müssen.

So kamen wir auf die unmittelbarsten Fragen, die unser Gemüt bewegten, zu sprechen. ,, Darf man Gott deswegen an­klagen, oder ist es nicht an uns, einzusehen, daß all dies, was er über uns ergehen läßt, Prüfung oder vielleicht gar schon sein Gericht bedeutet? Mit der Hartherzigkeit zeigen wir nicht, daß wir gelernt haben aus der Verworfenheit. Denk doch nur an diese Muselmänner, die im Irrsinn, im letzten Wahnsinn, zum Gespött der SS- Gewaltigen, hier ihren letzten Lebensodem verhauchen und noch einmal, und wenn sie sich nur in diesen kleinen Handlungen äußert, menschliche Liebe spüren wollen! Die hier Schlimmeres tun, als der ärgste Ver­brecher je getan hat, denn sie handeln immer aus irgend­einer Not, aus irgendeiner Überwältigung ihres Selbst. Die SS aber handelt in ihrer brutalen Manie aus der letzten Konse­quenz des ewig Satanischen."

Wenn diese Gespräche solche Höhepunkte fanden, und unser aufgewühltes Gemüt zuletzt die Verzweiflung zum Aus­druck brachte, fanden wir uns wieder. Klage und Anklage, Ruf und Widerruf erstickten in der lebendigen Verpflichtung zu Gott .

Heute war wieder ein Brief meiner Frau gekommen. Mit scharf geschliffenen Worten schilderte sie ihren Weg draußen um ihr gutes Recht. Auch solche Briefe waren der Ausgangs­punkt unserer langen Unterhaltungen, wenn wir uns abends vom Leben des Blocks freimachen konnten und wieder die Lagerstraße entlangzogen über den sandigen, staubigen Hof.

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