Der ganze Jammer zeigte sich erst, wenn man um diesen verschimmelten Tabak Menschen einander anflehen und anbetteln sah und wenn diese Zudringlichkeit des Begehrens Formen annahmen, die die letzte Menschenwürde vermissen ließen. Wo ich konnte und soweit ich besaß, verschenkte ich großzügig, während Alfred es ablehnte, sich auf die Zudringlichkeiten einzulassen.
Unser vielfach gepreßtes und geteiltes Gemüt verursachte eine kleine Meinungsverschiedenheit. Mir erschien, wenn man nicht in dem Übermaß des Leides ersticken wollte, jede menschliche Rührung als ein gewisser Ausweg und auch ein Trost für die anderen. Alfred dagegen meinte wieder, man müsse ganz für sich bleiben, seine eigenen Wege gehen und, wo man nur könne, die Persönlichkeit wahren. So fing es mit diesen unbedeutenden Kleinigkeiten an und führte zu jenen langwährenden Debatten, die uns immer mehr uns selbst näherbrachten.
Ich hatte die Erfahrung gemacht auch schon früher im Ausland und zuletzt in Polen , daß man mit kleinen, stillen Diensten an dem Weh der Allgemeinheit vieles gutmachen kann, was in dieser Zeit allgemeiner Wirrnis und gegenseitigen Unverständnisses die Menschen einander an Leid zufügen.
Der Standpunkt von Weiß- Rütli war, von anderer Warte ausgehend: ,, Frage mich, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist." ,, So", sagte er ,,, unterstützt Du diejenigen, die Dich eben betrogen, die eben noch ein sorgsam in Papier gewickeltes Stück Brot Dir zum Tausch für etwas, was sie gerade benötigten, anboten, ein Stück Brot, das nachher ein Stück Holz war, wenn Du es im Vertrauen angenommen hattest. Diese Schwindeleien entfernen mich von den Menschen, lassen mich immer wieder alleine gehen.“
Alfred hatte zweifellos eine gewisse Disziplin in all diesen Handlungen. Er tat nur bewußt, was er machte. Ich hingegen vertrat einen allgemein toleranten Standpunkt gegen die Misere. Gott allein weiß, was aus solchen stillen Diensten für ein Segen erwächst. Selbst wenn es nicht mit gottgefälligen Mitteln hier im Lager geschehen kann, so ist es doch die
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