Druckschrift 
Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
Seite
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Büchern der Name des früheren Reichstagsabgeordneten und Vorstandes der Sozialdemokratischen Partei, Breitscheidt, fiel.

Ich nahm an, der jugoslawische Journalist würde ebenfalls in Einzelhaft kommen, und als man dann eine große Anzahl Koffer mit Hotelzetteln aus aller Welt in den Mercedes ver­lud, bekräftigte sich in mir die Annahme, daß er zu Breit­scheidt in eines jener Häuser komme, die in Sachsenhausen für besonders wichtige Einzelhäftlinge bereitstehen.

Ich versuchte, in leisem Flüstertone zu erfahren, ob er Breitscheidt kenne. Zu lieb wäre mir eine Verbindung dort­hin gewesen, da mir der Sohn Breitscheidts aus früheren Jah­ren in Berlin und in Dänemark gut bekannt war und uns wertvolle Erinnerungen verbanden. Nichts jedoch konnte ich durch den Journalisten erfahren; ab und zu nur sahen sich die begleitenden Gestapobeamten, die vorne in der Maschine saßen, um und in schneller Fahrt ging es hinaus aus der Stadt voll pulsierenden, freien Lebens.

Allzu schnell war wieder die Stätte des endlosen Grauens erreicht und wir standen wieder vor dem Kommandanten­haus des Lagers.

Hier geschah ein merkwürdiger Zwischenfall. Der Kom­mandant trat soeben heraus, sah die große Maschine kommen, den Journalisten und mich aus dem Wagen steigen und kam direkt auf uns zu und reichte uns die Hände.

Ich konnte meine Hand noch zurückhalten, war ich mir doch des Irrtums bewußt, der hier vorlag. Der Journalist aber, der einen derartigen Empfang an der Stätte des Grauens vielleicht für möglich hielt, begrüßte den Kommandanten ebenfalls mit Händedruck, bis der Gestapobeamte durch das Wort ,, Achtung, Häftling!" die Situation klärte. Einige Stun­den später sah ich den Journalisten im Zebramantel, barhäup­tig, mit Holzpantinen, ohne seine große, helle Hornbrille, aber mit schlotternden Knien, auf der Effektenkammer.

Das Lager zeigte sich gleich von seiner schlimmsten Seite. Links am Tor hatte man einen Kasten aufgebaut und auf die­sem lehnte der Leichnam eines viehisch zerstückelten Men­schen in der Häftlingkleidung; an seinem Körper war ein großes Plakat angebracht: ,, Ich habe Fluchtversuch gemacht."

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