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Halt Wacht im Dunkel / Hiltgunt Zassenhaus
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Ordnung im Ring. Keine Lappen sind um die Füße gewickelt; die von Wasser gedunsene Haut. quillt aus den Holzpantinen hervor.

Er geht langsam. Oft bleibt er stehen und schaut in die Richtung,& aus der die Orgelmusik kommt. Es ist, als warte er auf jemand. Nach einer Weile schüttelt er denKopf und geht weiter.

Er ist jetzt in der Nähe meines Fensters. Ich vergesse alle Vorsicht und rufe ihn an:Tarald!

Er wendet sich zu mir.

Wir werden dich heute besuchen, Tarald!

Tarald hebt die Hände.Du bist gekommen, Mutter?

Ich schließe das Fenster. Der Pfarrer bleibt mit den Gefangenen allein.* ‚Ich gehe hinüber zum Lazarett, spreche mit dem Sanitätswachtmeister.Sie

müssen ihn aufnehmen. Er ist krank."?

Geistesgestörtheit ist keine Krankheit. Wir haben keinen Platz, Wenn Sie wüßten, wie viele"

Zigaretten helfen nach.

Gut. Wenn Sie das nächstemal kommen, liegt er hier. Er sieht auf die Uhr.Was, schon so spät? Gleich Mittag. Ich gehe. Es ist Sonntag! Heute gibt es Kaninchenbraten; in Buttermilch, das schmeckt. Heil Hitler!

° Esist still auf dem Gang. Der Sanitätswachtmeister ist fort. Er macht Mittag, und weil Sonntag ist, kommt keine Ablösung. Wir haben eine Stunde Zeit!\

Ich warte noch einige Minuten. Nichts regt sich. Die eisernen Zellen- türen liegen wie Platten in schnurgerader Linie in den Wänden. Nur eine Tür ganz hinten steht angelehnt. Sie öffnet sich auf einen Spalt. Ich nicke. Da geht sie weit auf; ein Gefangener kommt auf nn zu. Ich sage zu ihm: Es ist soweit."

Er ist Deutscher, ein Freund von uns. Draußen war. er Arzt, drinnen versieht er unter der Aufsicht des Sanitätswachtmeisters den Sanitäts- dienst. Uber der schwarzen Uniform trägt er eine lange weiße Schürze. Er steckt mir einige Rezepte zu Aufzählungen von Medikamenten, hastig auf einen Zettel gekritzelt.Wir brauchen sie dringend.".

Ich gehe voran; er folgt mir in einigen Metern-Abstand. Ich öffne die Tür des-Besuchszimmers.Der Koffer!;

Der Pfarrer hat ihn schon bereitgestellt. Der Sanitäter ergreift ihn und deckt die weiße Schürze darüber. Ein Blick auf den Gang.

Ja, es geht. Kommen Sie! Von der Tür des Besuchszimmers bis zum Lazarett sind es zwanzig Meter. Wir legen sie gelassenen Schrittes zurück, und doch zähle ich jeden Meter, immer gewärtig, daß irgendwo ein Grüner auftaucht. Es ist das Werk von Sekunden, es scheint mir jedesmal eine Ewigkeit lang!

An der Tür des Lazaretts mache ich halt und bleibe ech einige Minuten stehen, denn noch ist meine Aufgabe nicht zu Ende. Ich halte nach allen Seiten Ausschau. Ab und zu werfe ich einen Blick durch die Glastür ins

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