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Halt Wacht im Dunkel / Hiltgunt Zassenhaus
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Der Juni ist in diesem Jahr wie ein April. Nur wenige Tage schien die Sonne sommerlich warm. Gestern schauerte und hagelte es. Und wie ist es heute? Ich öffne das mit Brettern vernagelte Fenster und schaue hinaus.

Über dem Himmel liegt ein grauer Schleier. Es tropft leise auf die Straße, und die Luft ist lau. Wie betäubend war sonst der Duft der Linde um diese Zeit! Nun steht nur noch der Stumpf. Vom Fenster aus beobachte ich die feinen Gräserchen, die zwischen den Knorren aus der Erde sprießen. Die Fenster der gegenüberliegenden Häuser sind noch geschlossen. Da­bei ist es gar nicht mehr so früh am Morgen.

Eine große Müdigkeit ist über die Stadt gekommen. Seit sechs Wochen fallen keine Bomben mehr. Aber die Nächte sind noch nicht lang genug für die Erschöpften. Seit sechs Wochen ist der Krieg zu Ende. Doch Ham­burgs Straßen sind noch beinahe ebenso menschenleer wie zuerst, als auch tagsüber Ausgangsverbot bestand.

Wie drückend die Stimmung ist! Sie liegt in der grauen Luft, aber auch die blauen Tage sind jetzt nicht anders. Ich setze mich in den Sessel am Fenster. Warum bin ich so unfroh? Warum atme ich nicht befreit auf, jetzt, da es endlich so weit ist?

Ist es die Untätigkeit? Ich bin es nicht mehr gewöhnt, immer zu Hause zu sein. Während der letzten drei Jahre habe ich die meiste Zeit im Zug gesessen. Immer gab es Menschen, die auf mich warteten

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In der Ferne rattert es. Ein Jeep fährt vorbei, Am Ende der Straße taucht die Gestalt eines Mannes auf. Er stützt sich auf einen Stock. Er geht, als sei er ohne Ziel. Es ist wohl einer der Soldaten, die sich bis hierhin durchgeschlagen haben, um so der Kriegsgefangenschaft zu entgehen. Da wird meine Aufmerksamkeit abgelenkt von einem weißen Auto, das sich leise surrend nähert und hält. Ein Offizier in englischer Uniform springt heraus. Ich trete zurück vom Fenster. Soll das Haus beschlagnahmt werden? Ich eile in das Zimmer meiner Mutter.

Doch schon klopft es Sturm an der Tür.

,, Aufmachen! Aufmachen!" ruft eine ungeduldige Stimme.

Und dann steht er vor mir

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dieser englische Offizier! Die Hände hat er mir auf die Schulter gelegt und schüttelt mich, als wolle er mich wachrütteln.

,, Frei! Frei!" ruft er.

Er umarmt mich und fragt: ,, Erkennst du mich wieder?"

Er ergreift meine Hände und sagt mit strahlenden Augen: ,, Ich komme von Norwegen . Die Kameraden schicken mich!" Forschend sieht er mich an und fügt hinzu: ,, Wir machen uns Sorge, wie es dir geht."

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