Dreißig Sekunden— die Kerbe ist tief genug. Mechanisch gehen die
Vorarbeiter, steht neben ihnen und flüstert:„Herr Doktor— der Grüne!“
Der Werkarzt geht weiter. Er ist'oft bei den Strafgefangenen, merk- würdig oft, findet der Grüne. Doch er kann ihn nicht hindern. Der Werk- arzt hat überall freien Zutritt— auch bei den„Schwarzen mit gelben Streifen"!,& i
Hinter Sigurd schwere Schritte. Wieder fährt er hoch. Der Woacht- meister geht vorbei. Bis jetzt hat er vorne beim Pförtner Karten gespielt.
Wenn er kommt, gibt es bald Alarm. Ist es schon Mitternacht? Mecha--
nisch verrichten die Hände ihr Werk, die Augen hüten die Finger. Die Ge- danken aber machen eine weite Reise.
Dann schüttelt Sigurd den Kopf. Das alles ist Lüge! Das Meer, die Heide und der weiße Sand! Lüge, Lüge! Das Leben birgt keine Schönheit.
Diese schwarze Stadt, diese Hölle, die stampfenden Maschinen, die ge- beugten Gestalten im Dunkel des fahlen Lichts— das ist‘ das Leben! Warum kämpfst du noch darum? Das Blut hämmert Tod und Vernichtung. Schiebe die Hand in die Maschine! Wirf dich gegen das rotierende Band! Wirf die Seele fort— sonst wird sie zerfressen. Du bist in der toten Stadt!
Da— ein langer Ton! Er heult Vernichtung, doch für die tote Stadt bringt er Leben. 2
Das träge laufende Band steht still. Das rasend rotierende Band schleift aus. Die Hand fährt darüber, ohne zerrissen zu werden. Sie recken sich— die-gebeugten Gestalten! Es ist Mitternacht. Sie erwachen zu neuem Leben.
Sie klumpen sich zusammen zu einem Zug. Die Kommandorufe des Grünen sind heiser. Die Bogenlampen erlöschen.-Nur eine Karbidlampe weist den Weg durch die dunkle Halle. Von jeder Maschine löst sich ein Schatten. N
Die Nachtluft schlägt ihnen weich, entgegen. Über die Straße aus Beton klappern Pantinen. Sie begegnen einem Zug von Frauen, erkennen sie am Umriß des Kopftuches. Dann hören sie das Knarren von Stiefeln: franzö- 'sische Kriegsgefangene. Es strecken sich ihnen Arme entgegen— schwarze Ärmel mit gelben Streifen. Gebende Hände finden den Weg auch im Dunkel!
Ein kurz gemurmeltes:„Merci, camarade!” und der Zug ist vorüber. In die Tasche der schwarzen Uniform gleitet die Zigarette. Oft ist es nur eine ‘halbe, manchmal sind es nur Stummel. Sie geben, was sie haben. Sie sind Kameraden des grauen Heeres.
Jeder Zug gleitet in den ihm zugewiesenen Unterstand. Auch vor dem
dicke Panzerdecke liegt darauf. Die Ausländer— Kriegsgefangene und Frauen— kommen in Röhren; die Decke ist nur ein Meter dick.
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