Heute denke ich anders. Vierhundert Studenten tauchen vor mir auf. Wieder sehe ich ihre gleichgültigen Gesichter, als der Professor von hin- gerichteten und verstorbenen Gefangenen spricht. Ich kenne viele dieser Studenten, weiß, daß unter ihnen die aktiven Anhänger. des Dritten Reichs gezählt sind. Die anderen sind überwältigt worden von den Geschehnissen der Gegenwart. Nur die wenigsten haben die seelische Kraft, sich diesem Strudel zu widersetzen. Die Gegenwart: Krieg, endlose Alarme, Bomben, Schlangestehen, Kartoffeln und Steckrüben und der alles beherrschende Ge- danke, das eigene Schifflein durch diesen'reißenden Strom zu steuern. Die Elemente der Vernichtung machen nicht halt vor der Seele. Sie machen stumpf. Wir sehen und sehen doch nicht. Wir hören und hören doch nicht.
Sprachen nicht einmal Bach, Goethe und Schiller zu unserem Volk? Ihre Stimme ist verstummt. Die Zerstörung spricht eine lautere Sprache. Und doch lebt der Geist von einst weiter! In uns, im verborgenen Deutsch- land, in allen, die das Böse mit dem Guten bekämpfen!
Soll ich es dem Gelehrten sagen? Er wird mich ungläubig ansehen und wieder auf die schweren Eisenstöbe am Fenster blicken. Soll ich ihm sagen, daß Millionen von deutschen politischen Gefangenen hinter Mauern und Stacheldraht sitzen? Er weiß es selbst. Er wird mir nur antworten,
mehr lebe. Schweigend sehe ich ihn an. Seine Augen glänzen matt. Die Haut
spannt sich wie dünnes, gelbes’ Leder über das eingefallene Gesicht. - Ich ziehe mein Frühstücksbrot aus der Tasche, nehme seine Hand und lege es hinein.
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Nachts. Ich starre wieder auf die Leuchtstreifen an der Wand im Bunker.:
Wieder spüre ich, wie der Gelehrte zum Eisengitter am Fenster blickt, als er sagt:„Deutschland ist tot, und ich zweifle, ob es überhaupt je gelebt hat.” Diese Worte lassen mich nicht los. Hat er recht?
Er lernt Deutschland im Zuchthaus kennen. Doch’ es ist nicht Deutsch- land! Es ist das Dritte Reich, wie es leibt und lebt. Ein getreues Spiegel- bild; ein Totenhaus.;
Politische Gefangene sind die schwersten Verbrecher. Sie haben zu schweigen und nur den Befehlen, die das Heer der ihnen Übergeordneten gibt, Folge zu leisten. Sonst aber hat jeder jemand, der ihm unterstellt ist, den er treten kann und den er bedroht. Auch unter den Kriminellen ‘gibt es gute Kameraden. Andere aber. drängen sich an die Posten heran. Sie werden Stubenältester, sie werden Kalfaktor.
Es kommt vor, daß auch politische Gefangene Stubenälteste werden. Meistens sind es jedoch Kriminelle. Sie haben in der Zelle für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Sind sie ein williges Werkzeug des Grünen, so ist die
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