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Halt Wacht im Dunkel / Hiltgunt Zassenhaus
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Vierhundert Bleistifte zeichnen im Kollegheft. Unter dem Wort ,, Fett" entstehen große, traubige Gebilde.

Nachmittags bin ich im Zuchthaus. Wir wollen einen Gefangenen be­suchen, der in Norwegen führend in der pazifistischen Arbeit für die Ver­ständigung der Jugend aller Völker gewesen ist. Es ist ein Gelehrter. Wegen seiner Friedensarbeit ist er vom Dritten Reich zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden!

Erst steht er auf dem Gang zusammen mit den anderen. Doch er ist so schwach, daß er hin- und herschwankt. Ein Hilfswachtmeister nimmt mich beiseite und zeigt auf den Gelehrten: ,, Nehmen Sie den zuerst. Der fällt sonst gleich um."

Er sagt es kalt und mürrisch, doch zum erstenmal spüre ich, daß dieser Ton nur angenommen ist, daß es auch jetzt noch anständige Grüne gibt. Wir haben schon viele Gefangene besucht. Es dauert aber lange, bis wir alle kennen. Es sind viele hundert. Auch der Gelehrte bekommt erst heute zum erstenmal Besuch. Aber wie anders ist es schon jetzt als da­mals, als ich die Arbeit begann.

Ein Zuchthaus hat viele Kanäle. Vielleicht hörte es der dicke Stamm der Kastanie? Vielleicht riefen beim Donner der Motoren in der Rüstungs­fabrik die Gefangenen es einander zu? Oder hat es der Barbier von Zelle zu Zelle gebracht? Die Losung heißt: ,, Habt Vertrauen!" Die Gefangenen sehen nicht mehr an mir vorbei. Daß der Pfarrer ihr Freund ist, wissen sie. Daß ich ihre Freundin bin, beginnen sie zu ahnen.

Wir besuchen den Gelehrten als ersten. Draußen ist ein tiefblauer Sommerhimmel. Die Hitze ist so groß, daß sogar die Kälte des Zucht­hauses einer lähmenden Schwüle gewichen ist.

Ein Beamter kommt herein und sagt, der Chef wolle den Pfarrer sprechen. Zum erstenmal bin ich mit einem Gefangenen für einige Mi­nuten allein.

Der Gelehrte sitzt mir gegenüber. Seine Gestalt ist ausgemergelt. Die Hände haben einmal viel geschrieben. Jetzt sind die Fingernägel lang und ungepflegt, sogar etwas Schmutz sitzt darunter. Die Jacke ist viel zu weit; sie legt sich faltig über die hängenden Schultern.

Der Gelehrte schweigt. Ich richte das Wort an ihn: ,, Kannten Sie das, Deutschland von früher?"

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Zögernd nur kommt die Antwort: ,, Ja, ich habe Deutschland einmal ge­liebt. Aber" ein Blick auf die Gittergardinen am Fenster ,, jenes Deutschland ist tot, und manchmal zweifle ich, ob es überhaupt je gelebt hat."

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Harte Worte! Doch es ist noch gar nicht so lange her da habe ich dasselbe gedacht. Es war im Torflager Schülp.

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