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Halt Wacht im Dunkel / Hiltgunt Zassenhaus
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im Traum? Die Gestapo ? Ach, das liegt schon lange zurück. Sie sind im Moor! Der Tag, der verging, und der Tag, der kommt, hält sie mit eiser­nem Griff. Noch im Traum handeln sie mit dem Kalfaktor: ,, Ein Meter weniger Torf, und du kannst meinen Priem behalten." Aber der Stiefel, der große Stiefel! Er kommt näher da brüllen sie auf. Hellwach sind sie plötzlich und hören die Flüche aus den benachbarten Pritschen. Ruhe, Ruhe! Sie ringen um Ruhe, um einige wenige Stunden Schlaf.

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Die Träume werden noch wilder. Der geknebelte Trieb schreit nach Leben.

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ein Herz­

Von einer Pritsche dringt hilfloses Schreien. Kein Traum anfall. Das Schreien wird lauter. In den Pritschen ringsum wird es un­ruhig. Sie schimpfen, sie fluchen: ,, Ruhe, Ruhe!" Das Schreien durchdringt die Baracke. Sie brüllen ihn an: ,, Halt's Maul!" Mag er verrecken, wenn das Schreien nur endet. Sie ringen um einige Stunden Schlaf! In blinder Wut schleudern sie ihre Strohkissen ins Dunkel hinein. Das Schreien wird zum Winseln.

Fliegen summen und stechen. Gestalten tappen sich durch die Gänge. Erst gegen Morgen wird es stiller. Von den Kübeln kommen faulige Schwaden. Holger erwacht mit einem dröhnenden Kopf. Noch eine Viertel­stunde. Jeden Morgen wacht er zu früh auf. Noch fünfzehn Minuten Ruhe, noch fünfzehn Minuten Schlaf! Es wird nur ein Wachtraum. Wie er­schlagen liegt der Körper da. In diesen Minuten fühlt er sich wie geteilt, als ob Körper und Seele auseinandergerissen würden. Dann ist es ihm, als ob er gewürgt würde. Und wieder kommen die Stiefel, die Stiefel! Er sieht sie im Graben. Sie sind mit Nägeln beschlagen. Sie schreiten das Pensum ab. Drei Meter pro Tag! Drei Meter sind drei Schritte der Stiefel. Aber Schritt ist nicht Schritt! Die Stiefel holen weit aus.

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Holger greift sich an den Hals. Er ringt nach Atem. Er stöhnt, er brüllt: ,, Ich kann es nicht schaffen!" Doch der Kalfaktor hat den Pflock in der Hand. Drei lange Schritte dann sticht er in den Torf. Er grinst und lacht und lockt mit dem Finger: ,, Bis hierhin. Du mußt mir folgen!" Holger aber sieht zum nächsten Graben. Da arbeiten Freunde des Kalfak­tors. Da gehen die Stiefel drei kurze Schrittchen. Und als er sich wendet, springt der Kalfaktor noch einmal heran, reißt den Pflock in Holgers Graben heraus, tritt mit dem Stiefel das Loch zu und sticht ihn noch einen Schritt weiter ein.

Holger fährt hoch von einem stechenden Schmerz. Eine Fliege. In Schweiß gebadet sinkt er wieder zurück auf den Strohsack. Wieviele Mi­nuten vergingen? Jeden Augenblick muß der gellende Pfiff kommen, der das Blut erstarren läßt und die Glieder lähmt. Wieder versinkt Holger. Angst überfällt ihn.

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Die Baracke ist dunkel. Sie ist voll Menschen, Fliegen und Gestank.