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Halt Wacht im Dunkel / Hiltgunt Zassenhaus
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Minuten eher als die anderen Schluß. Sie können sich Kaffee zum Frühstück kochen. Sie lesen an langen, unbeschäftigten Vormittagen englische Ro­mane, um ihre Sprachkenntnisse aufzufrischen ,,, denn man kann nie wissen,

harmlos

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Auch hier gilt das ungeschriebene Gesetz: Eine bestimmte Anzahl von Briefen muß ausgewertet werden, um nicht aufzufallen. Sie haben ein leichtes Spiel. Briefe, die einen jüdischen Absender haben, werden mit Vorliebe herausgegriffen. Der Inhalt wird und sei er auch noch so als ,, verdächtig" der Gestapo weitergeleitet, wo schon ein Heer von Kämpfern an der Heimatfront darauf wartet. Briefe, in denen von Geld die Rede ist, werden mit Begleitschreiben an den Zoll geschickt. Stimmungsmäßige Äußerungen interessieren das Propagandaministerium. Eine Hand arbeitet in die andere. Es ist, als ob die Briefe eigens für die Briefprüfstelle geschrieben werden.

Ich selbst war in der ,, Auswertung", als ich die Briefe der nach dem Osten verschickten Juden las. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß Briefe, die in diese Gruppe kommen, nur noch wenige Schritte von der Gestapo entfernt sind.

Ich streiche daher in den Briefen der Gefangenen alles, was in der Briefprüfstelle auch nur den geringsten Verdacht erwecken und so die Aufmerksamkeit der Gestapo erregen könnte. Die von mir überwachten Gefangenen sollen bei der Gestapo in Vergessenheit geraten!

Doch noch nicht genug der Vermerke und Zeichen! Alle nicht zurück­gehaltenen Briefe gehen in das ,, Schnippelkommando". Dort sind sie auf­geschnitten worden, dort werden sie auch wieder zugeklebt. Der Klebe­streifen am Rand trägt einen gedruckten Stempel: Geprüft vom Ober­kommando der Wehrmacht. Und ein kleines f, nur der Kenner bemerkt es! Es heißt: Auslandsbriefprüfstelle Hamburg.

In den braunsten Siegestagen des Krieges gibt es verstreut über ganz Europa über dreißig solcher Briefprüfstellen, ganz zu schweigen von der Feldpostzensur und der geheimen Briefüberwachung im eigenen Lande.

,, Die Briefe dürfen höchstens vierundzwanzig Stunden von der Brief­prüfstelle zurückgehalten werden." So die Verfügung! Oft bleiben die Briefe über einen Monat in der Prüfstelle liegen.

Hat der Brief aus Finnmarken schon die Dienststelle verlassen, oder liegt er noch in irgendeiner Abteilung und wartet auf den donnernden Schlachtruf: ,, Schleusen!"? Nun, früher oder später wird er wohl im Zucht­haus eintreffen. Dem Beamten im Geschäftszimmer, der die Briefe in Empfang nimmt, ist es gleichgültig, ob sie vier Wochen oder vier Monate unterwegs sind. Ärgerlich wirft er sie in ein Fach, wo schon andere Briefe liegen.

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,, Ver­Je mehr Briefe es werden, desto ungeduldiger wird der Grüne. brennen sollte man den ganzen Haufen. Als ob wir nicht ohnehin schon

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