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In großen Waschkörben wandern die Briefe in ein Stockwerk höher zur Lesegruppe". Dieser Raum gleicht einer Schulklasse. An langen Tischen sitzen Damen und Herren jeden Alters. Auch das Pult vorne fehlt nicht. Daran sitzt irgendein Hauptmann. Er könnte ebenso gut fehlen, denn er schaut nur Stunde um Stunde gelangweilt über die Menge und spielt mit dem Lineal. Nur wenn Verfügungen eintreffen, reckt er sich und ,, bittet um einen Augenblick Gehör".
Verfügungen, Verfügungen! Jeden Tag gibt es neue. ,, Briefe sind anzuhalten, wenn
Briefe harmlosen Inhalts sind besonders verdächtig. Die in Briefen angeführten Bibelstellen dienen grundsätzlich laut Ansicht der ,, Abwehr" zur Nachrichtenübermittlung ins Ausland. Von Kinderhand angefertigte Zeichnungen sind getarnte Pläne von Rüstungsfabriken und Flugplätzen!
Die Briefprüfstelle ist sich ihrer Bedeutung bewußt. Da diese aber bei der Ergebnislosigkeit allen Prüfens oft bedenklich in Frage gestellt ist, betont sie ihre Gewichtigkeit um so nachdrücklicher und öfter.
,, Sie können gar nicht genug Briefe zurückhalten!" ruft die Stimme vorne am Pult dem müden Volk der Leser zu und verweist dabei auf die, Zensurbestimmung§ 21, Abschnitt 3a: Jeder Brief kann zurückgehalten werden, wenn dem Prüfer der Inhalt desselben aus irgendeinem Grunde nicht paßt.
Die Durchschnittstagesleistung eines Lesers beträgt hundert Briefe. Die Augen rasen über die Zeilen. Geübte Prüfer lesen nur noch in jeder Zeile ein Wort. Sie steigern ihre Tagesration auf dreihundert Briefe. Liebesbriefe, Trauerbriefe, Gratulationen, Geschäftsbriefe die Briefe sind entpersönlicht. Das Briefgeheimnis ist aufgehoben. Fremde Augen gleiten über die Zeilen. Ab und zu ein kurzes Auflachen; irgendein Brief ist besonders interessant. Dann rascheln die Bogen von Hand zu Hand. Wissend lächeln die Prüfer und zwinkern einander zu.
Wie bunt die Briefe schon aussehen, wenn sie in die Lesegruppe kommen. In irgendeinem der Waschkörbe liegt auch der Brief von Finnmarken. Mit einem Kreis und der Zahl, mit braunen und blauen Streifen und dem Vermerk auf der Vorderseite des Briefumschlags: A 2+ 1 f. Nun kommt noch eine dreistellige Zahl hinzu, die Nummer des Lesers.
Es steht im Ermessen des Lesers, ob er den Brief zurückhält. Bei hundert Briefen greift er sich durchschnittlich sechs heraus. Diesen Akt des Zurückhaltens nennt der Fachmann ,, Beanstanden". Jeder Prüfer weiß, daß er eine gewisse Anzahl von Briefen beanstanden muß, um nicht selbst als Prüfer beanstandet zu werden. Er schielt nach beiden Seiten. Der Nachbar zur Linken hat schon morgens um 10 Uhr drei Beanstandungen, der Nachbar zur Rechten schreibt gerade einen Beanstandungszettel aus. Es heißt sich beeilen, um nicht aufzufallen. Wer sucht, der findet.
Die zurückgehaltenen Briefe gehen zur Auswertung". Da sitzen die Auserwählten der Briefprüfstelle, die Bonzen! Sie machen schon zehn
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