Die ,, Chemie" ist ein großes Unternehmen. Sie beschäftigt über hundert Leute. Hier wird der Briefinhalt durchgezählt. Hinter dem A steht eine kleine 2: Zwei Briefbögen. Dann steht da vielleicht noch+ 1f plus eine Photographie.
Doch nun die eigentliche Aufgabe der ,, Chemie": Die, Suche nach Geheimschriften. Mit breiten Pinseln fahren die Hände über Bogen und Umschläge. Braune und blaue Tinkturen werden verwendet. Stunde um Stunde streichen die Pinsel über das Papier. Es kräuselt und schlängelt sich unter der Feuchtigkeit. Dann wird es im Kasten" vor eine überhelle, weißstrahlende Birne gehalten.
Der Kasten" ist mit einem schwarzen Vorhang versehen. Die Dame, die darin sitzt, nickt im Laufe des Tages ein. Sie ist übermüdet. Ihre Augen brennen. Alles ist ja sowieso vergebens. Jahr um Jahr ist nach Geheimschriften gesucht worden, doch noch niemals wurde eine gefunden.
Ein alter Major ist Abteilungsleiter. Seine rote Nase läßt auf ,, Geistigkeit" schließen. Er ist Choleriker. Wenn er tobt, stottert er. Das kommt oft vor. Denn die Zwecklosigkeit seiner Jagd nach Geheimschriften reizt ihn zu eigenen Unternehmungen. Auf eigene Faust sondert er Briefe aus und fingiert geheime Mitteilungen hinein. Dann gibt er sie in die Abteilung. Große Tage für ihn! Aufgeregtes Hin- und Herlaufen, der angeschwollene Kopf verrät es. Die ,, Chemie" ist gewarnt. Die braunen und blauen Tinkturen ergießen sich über jedes Eckchen Papier . Die Damen im Kasten fahren hoch. Gnade ihnen, wenn sie heute nichts finden! Dann setzt es eine Untersuchung. Durch welche Hand ist der Brief mit der fingierten Geheimschrift gegangen? Es läßt sich feststellen. Denn die Dame im ,, Kasten" muß hinter das A auf den Briefumschlag noch die Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens fügen.
Alles zittert. Ein Brief ist unterwegs. Eine rote Nase und geschwollene Reden künden es an.
Da
ein erlösender Schrei aus einem der Kästen. Gefunden! Der Major reißt den schwarzen Vorhang zurück und klopft der Glücklichen auf die Schulter. ,, Für heute sind Sie frei", sagt er gnädig. ,, Sie können sofort nach Hause gehen."
Manchmal bleiben die Briefe nur wenige Stunden in der ,, Chemie", manchmal dauert es Tage. Anfang der Woche ist geringer Postanfall. Jeder Bogen wird bepinselt. Zwei Tage weiter, und die Post beginnt sich zu häufen. Der Major wird aufgeregt. Am Ende der Woche eine Flut von Briefen. Noch aber pinseln sie an den Briefen vom Montag.
,, Wie? Die Briefe liegen schon eine Woche hier?" brüllt der Major. ,, Ich dulde diese Bummelei nicht länger!" Und über die ,, Chemie" donnert sein Schlachtruf: ,, Schleusen!" Wie rasend werden nun in wenigen Stunden hunderte, tausende von Briefen durch die Abteilung gejagt. Die Pinsel fahren darüber hin pro forma! Damit die nächste Abteilung nicht bemerkt, daß der ,, Kasten" umgangen ist.
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