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genug zu tun hätten!" Fluchend reißt er bei Gelegenheit eine Handvoll Briefe heraus. Die Kartothek steht neben ihm, er feuchtet den Blaustift mit der Zunge an und beginnt, die fremd klingenden Namen und Anschriften zu entziffern. Wie schmutzig und speckig der Umschlag aussieht! Durch wie viele Hände ist er schon gegangen!
Der Wachtmeister kritzelt in deutschen Buchstaben auf die Vorderseite: 10 J.
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Feindbeg.
10 Jahre das ist die Strafdauer, und Feindbegünstigung ist das Vergehen. Der Wachtmeister vergleicht jede Anschrift mit seiner Kartothek. Wenn Straftat und Strafdauer jedes einzelnen Empfängers herausgezogen sind, stellt der Grüne an Hand der Briefe eine Liste auf. Dann endlich ist es so weit Liste und Briefe kommen in einen Dienstumschlag, werden versiegelt und mir zur Zensur zugeschickt.
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Daß die Liste mit der Angabe der Straftat und Strafdauer des Briefempfängers schon sehr bald unnötig wird, weiß niemand außer mir selbst. Vom ersten Tage an führe ich an Hand der Briefe eine Kartei über die Gefangenen. Später, als täglich neue Gefangenentransporte eintreffen, als die Gefangenen über alle Zuchthäuser und Läger Deutschlands verteilt werden, gewinnt diese Kartei eine jetzt noch ungeahnte Bedeutung. Ich behalte als einzige einen vollkommenen Überblick über den Verbleib der skandinavischen Zuchthausgefangenen.
Ein siebzigjähriger Wachtmeister versieht die Briefkartei. Er war schon pensioniert; durch den Krieg und den Mangel an Personal ist er wieder eingestellt worden. Die Briefkartei ist der Inhalt seines Lebens. Der Sport seines Alters. Mit dem Blaustift bewaffnet, rechnet er von morgens bis abends Brieftermine aus. Zweiundvierzig Tage genau! Trifft ein Brief ein oder zwei Tage zu früh ein, händigt er ihn dem Gefangenen nicht aus. Das heißt: zwölf Wochen warten.
Briefe, die vor Ablauf der Frist eintreffen, trägt er eigenhändig in die Zelle. ,, Wieder einer zu früh!", sagt er nörgelnd, schwenkt den Brief vor dem Gefangenen hin und her und läßt ihn einen kurzen Blick auf den Umschlag werfen. Dann humpelt er mit dem Brief davon.
Ich lege mir ein Heft an. Nicht so, wie es der Amtsgerichtsrat vorgeschlagen hat! Für jeden Gefangenen trage ich fortan den Brieftermin ein. Kommt ein Brief zu früh, wie es bei den unsicheren Postverhältnissen immer häufiger der Fall wird, halte ich ihn so lange zurück, bis er fällig ist.
4. Advent 1942. Vor mir türmt sich die Gefangenenpost. Die Gefangenen haben schon am 1. Dezember geschrieben. Die Briefe sind aber in der Amtsstube des Zuchthauses liegengeblieben. Erst gestern habe ich sie bekommen. Dazu Hunderte von Briefen aus Dänemark und Norwegen . Weihnachtsbriefe! Tannenzweige liegen darin, bunte Bänder und Silberfäden der alte Wachtmeister wird sie sorgsam entfernen. Ich höre ihn schon brummen: Wozu überhaupt Weihnachten für diese Leute!"
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