Der Himmel ist grau. Wolken haben sich zusammengeballt und stehen wie Legionen— undurchdringlich. Ich stehe am Rand der Felsen. Tief unten braust das Meer. Es ist, als ob die Brandung immer gewaltsamer wird.
Warum, frage ich mich. Warum?— Damals dachten wir— nur ein paar Monate. Es dauerte länger. Haben wir denn nicht geduldig gewartet? Ist es immer noch nicht genug? Soll uns auch das Schwerste nicht erspart bleiben? Kommt wirklich Krieg?
Ja, er muß kommen, Die Lawine rollt. Niemand hat sie rechtzeitig
aufgehalten. . Mit rasendem Schrei stürzen sich einige Möwen: in den Abgrund.
Die Gedanken jagen sich.—„Soll man subjektiv denken?"—„Mutter, Ihr habt uns nicht gelehrt, daß Menschen von Grund auf’ schlecht sein können.—„Hitler ist nicht der. Schlimmste. Deutschland braucht eine harte Hand!"—
Soll ich es tun?‘Gib mir Frieden! Das ist das einzige, wonach ich mich sehne.=;
In diesem Augenblick beginnt das Blinkfeuer aufzuleuchten— es wird so hell, daß ich die Hand vor Augen halte. Das Gesicht meines Vaters taucht vor mir auf, und wieder höre ich seine Stimme:„Habe Ehrfurcht vor dem Leben!":
Es gibt kein Ausweichen! Das Leben muß gelebt werden, auch wenn der Krieg kommt. Eine wunderbare Gewißheit kommt über mich: Das Leben ist lebenswert, denn du selbst sollst es dazu machen— trotz Tod und Vernichtung.: 2
Ich bin ruhig geworden. Als ich zurückkehre zu meinen englischen Freunden, klingelt das Telephon. Ein Anruf aus London . Eine Freundin von mir, eine dänische Jüdin, spricht. Sie ist gerade von Kopenhagen auf Ferien gekommen.;
Sie fragt:„Können wir uns nicht sehen?“
„Nein, ich fahre morgen nach Haus."
Die Minuten vergehen damit, ihr zu erklären, warum.
Dann klickt es, das Telephonfräulein sagt:„Drei Minuten— Sie müssen schließen.' i
„Halt! Einen Augenblick noch, Fräulein!" sagt meine Freundin. Und dann fragt sie:„Glaubst du, daß Krieg kommt?"
„Wann?“:
„Spätestens zum nächsten Frühjahr!"—
Bin ich im Traum? Ist es ein anderer, der mir die Worte diktiert? Ohne zu denken, beinahe mechanisch, fahre ich fort:„Versuche, nach Schweden zu gehen! Du darfst nicht in Dänemark sein, wenn er kommt.“
Wieder mahnt das Telephonfräulein.


