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Halt Wacht im Dunkel / Hiltgunt Zassenhaus
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Zu dieser Zeit schlage ich das Neue Testament auf, und ich erfasse die Bedeutung der Worte: ,, Sie wissen nicht, was sie tun".

Es

Immer mehr müssen wir uns in unsere vier Wände zurückziehen. gibt andere, die das gleiche tun. Es sind alle die, welche von Anfang an das neue System abgelehnt haben.

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Auf der entgegengesetzten Seite stehen die fanatischen Nazisten. Und dazwischen die Masse! Alle die mit trägem Herzen. Alle die, die zu gleichgültig sind, sich zu widersetzen, welche über das, was ihnen persönlich unangenehm ist, schelten, und welche da mitlaufen, wo sie ihre Vorteile sehen.

Aber was tue ich gegen das System? Es genügt nicht ,,, nein" zu sagen und ein politisierender Individualist zu sein.

Die Tage im November sind grau, doch sie haben mir die Augen ge­öffnet. Jetzt kenne ich den Weg, den ich gehen muß. Und eins ist gewiß: Sind Herz und Sinn bereit, werden die Aufgaben kommen, früher oder später.

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Im Sommer 1939 sind meine Studien beendet. Ich bin Dolmetscherin der dänischen und norwegischen Sprache.

Mit einigen Studenten der Hamburgischen Universität reise ich nach Kopenhagen . Die Universität hat uns eingeladen. Ich habe das Empfinden, daß sich die Stimmung in Dänemark seit dem letzten Mal geändert hat. Ich glaube, die dänischen Professoren und Studenten beginnen zu ahnen, welchen Weg die Entwicklung nehmen wird. Doch sie schweigen. Wir sind ihre Gäste.

Am letzten Abend sind wir beim Bürgermeister zu Gast. Er schweigt nicht. Er hält eine Rede, die sich mir einprägt. Ich nehme sie mit mir als letzten Gruß von Dänemark . In schweren Jahren steht sie mahnend vor mir. In schlichten Worten erzählt uns der Bürgermeister von den Studien­jahren, die er in Deutschland verbracht hat.

,, Damals prägte der Geist eines Goethe und Schiller Ihre Kultur. Stolz dürfen Sie sein, daß Ihr Volk diese beiden hervorgebracht hat, aber es verpflichtet!"

August 1939. Noch vier Wochen Frieden! In meinen Gedanken ist er nicht mehr. Sie sind voll dunkler Vorahnungen. Die Depressionen sind so stark, daß ich täglich viele Stunden lang einsame Wanderungen mache. Ich bin in Südengland .

Der Weg ist immer der gleiche. Es geht herauf nach Beachy- Head dem Leuchtturm. Er steht hoch oben auf den Kreidefelsen. Sein Blinkfeuer leuchtet weit über das Meer. Es strahlt Ruhe, Frieden und Sicherheit aus. Nur die Möwen stören den Frieden. Zu Tausenden schreien und flattern sie um den Turm. Nie kommen sie zur Ruhe. Ihre Schreie bleiben ohne Antwort.

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