Und doch gibt es etwas, das schmerzlich berührt. Es ist das geringe Verständnis, welches man mir entgegenbringt, wenn ich sage, daß ich Gegner des in Deutschland herrschenden Systems bin. Interessiert man sich so wenig für das, was im Nachbarland vor sich geht? Hört man mir vielleicht überhaupt nur aus freundlicher Höflichkeit zu, wenn ich von den furchtbaren Folgen und Auswirkungen, die das System auf unser Volk hat, berichte?
Fühlt ihr nicht den auf euch gerichteten fragenden Blick? Hört ihr nicht, daß ich, daß wir alle, die unter der Gewaltherrschaft leiden, an eure Herzen appellieren? Ich weiß, dem einzelnen könnt ihr nicht helfen. Warum aber schließt ihr euch nicht zusammen? Gibt es denn keine Macht, die eingreifen könnte?
Doch nein! ,, Mach Schluß
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du störst nur! Was für ein schöner
Abend. Wie gut haben wir es doch in unserem Lande!"
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,, Sag mir ehrlich ist nicht das, was du uns aus deinem Land erzählst, ein wenig übertrieben?" Habt ihr nicht auch einmal so gefragt? Und es gab auch solche, die sagten: ,, Ich glaube, für Euch ist Hitler noch nicht der Schlimmste. Deutschland braucht eine harte Hand."
Ich bin zurück in Deutschland . Es ist ein Abend im November 1938. Ich bin in der Stadt. An jeder Ecke stehen einige Männer. Immer mehr Gruppen sammeln sich. Alle flüstern. Was ist los? Vierundzwanzig Stunden später wissen wir es. Die Judenverfolgung hat eingesetzt!
Fenster werden entzweigeschlagen, Geschäfte gestürmt. In den Fleeten schwimmen Schuhe, Stoffe und alle möglichen anderen Sachen.
Die Leute stehen auf der Straße und sehen zu. Sie selbst tun nichts, aber sie erheben auch keinen Einspruch. Einige machen große Augen. Zum erstenmal überkommt sie eine Ahnung zukünftiger Folgen der neuen Ideologie.
Alle die, welche die Geschäfte stürmen und aktiv am Schauspiel teilnehmen, hat man von Nachbarorten heranholen müssen. Die eigenen Söhne der Stadt bekommt man nicht dazu.
Die Mißhandlungen der Juden beginnen. Die erste Verhaftungswelle setzt ein.
Willfried tritt vor meine Mutter und sagt: ,, Ihr habt uns viel gelehrt. Eins aber vergaßet ihr uns zu sagen: Es gibt Menschen, die von Grund auf schlecht sind!"
Einen Augenblick lang schweigt meine Mutter. Dann antwortet sie: ,, Laßt uns nicht daran denken laẞt uns das Gute entgegensetzen!"
Wir gehen zu unseren jüdischen Freunden, sind so oft wie nur möglich mit ihnen zusammen. Wir versuchen, ihnen zu helfen mit allem, was in unserer Macht steht. Doch es wird immer weiter verhaftet. In vielen Reden wird schon das zukünftige Schicksal der Juden verkündet.
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