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Halt Wacht im Dunkel / Hiltgunt Zassenhaus
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Doch ganz aus der Ferne höre ich noch einmal die Stimme meiner Freundin: ,, Und gib acht auf dich!"

Unmittelbar nach meiner Rückkehr bricht der Sturm los. Die entsetz­liche Spannung hat sich gelöst. Wieder regt sich die Hoffnung. Vielleicht dauert es nur ein paar Monate! Jetzt kommen sie und helfen uns bei der Beseitigung des Systems. Und ich denke: Warum sind sie nicht eher gekommen?

Meine Brüder werden einberufen. Um Mitternacht geht ihr Zug. Ihr alle kennt die dunklen Bahnhöfe des Krieges! Damals ist es das erstemal. Noch liegt auf vielen Gesichtern ein Lächeln. Man spürt es mehr, als daß man es sieht. Und nicht alle Stimmen sind gedämpft.

Haben wir nicht schon einmal diesen Bahnhof so dunkel wie heute gesehen? Flüsternde Stimmen? Bleiche, graue Gesichter? Es war vor mehr als zwanzig Jahren. Ein endloser Zug von Kriegsgefangenen war es ge­mit Holzschuhen, Fußlappen und zerlumptem Zeug. Waren es Russen oder Deutsche? Ich erinnere mich nicht mehr. Für mich war es nur ein Zug des Elends. Aus dem Dunkel tauchten sie auf Dunkel wanderten sie hinein.

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Eine erste Ahnung von etwas unbegreiflich Düsterem, einer noch nicht zu fassenden Schwere des Lebens hatte mich beschlichen. Fest hatte ich mich an meine Mutter geklammert.

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damals.

Meine Mutter hatte uns an die Hand genommen Jetzt reicht sie die Hand meinen Brüdern zum Abschied. Günther und Willfried gehen als Ärzte hinaus. Beide sind ernst. Günther sagt: ,, Dieser Krieg ist nicht unser Krieg, Mutter. Aber wo er gekommen ist, wollen wir hoffen, daß durch ihn das System vernichtet wird."

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Doch Willfried fügt hinzu: ,, Der Krieg wird nur vernichten. Wir wollen an die darauffolgende Zeit denken an den Frieden, der einmal kommen muß." Mit dem ihm eigenen guten Lächeln sagt er zu meiner Mutter: ,, Was auch geschieht, wohin wir auch kommen werden wir wollen arbeiten und leben in dem Geist, in dem ihr uns erzogen habt!" Drei Wochen später stirbt mein Vater.

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Der Schnee liegt in diesem ersten Kriegswinter so hoch wie seit Jahr­zehnten nicht mehr. Die Luft ist eisklar. Es ist still. Nichts geschieht an der Front. Eine lächelnde, unheimliche Ruhe. Furcht steigt auf in mir. Was liegt noch vor uns?

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Ich blättere im Neuen Testament . Der Jakobusbrief so lange ist es schon her, daß mein Vater uns daraus vorgelesen hat. Damals glitten die Worte an mir vorbei, jetzt gewinnen sie eine ganz neue Bedeutung: Wider­stehet dem Teufel, so fliehet er von Euch. Und ich lese weiter: Nahet Euch zu Gott, so nahet er sich zu Euch.

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