richte, die wir später von einigen der ins Feld gezogenen Kameraden erhielten, gaben uns über die Verhältnisse bei der Formation Dirlewanger kein klares Bild. Als ich später, im April 1945, selbst in russische Kriegsgefangenschaft geriet, traf ich einige KZ- Kameraden der Panzerdivision, die erst später zu Dirlewanger gekommen waren, im Kriegsgefangenenlager Posen wieder. Sie wußten nichts vom Schicksal des ersten Aufgebots und verdankten ihr eigenes Leben nur dem Umstand, daß schon wenige Tage nach ihrem Einsatz die Kapitulation der um Berlin zusammengezogenen Truppen erfolgte.
Zu derselben Zeit, da die ersten wegen Hochverrats und Vorbereitung zum Hochverrat vorbestraften politischen Häftlinge an die Front kamen, erhielten auch die nichtvorbestraften politischen Häftlinge, darunter auch ich, die Vorladung zu einer neuen Musterung. Diese wurde im Krankenbau des Lagers unter Leitung von SS- Ärzten durchgeführt. Auch diesmal erhielt ich das Prädikat„ k.v." mit der Versicherung, daß ich demnächst zur Wehrmacht geholt werden würde. Da ich mir im Lager angewöhnt hatte, schicksalshafte Ereignisse bis zu dem Punkt, wo sie eine konkrete Form annahmen, ausreifen zu lassen, ließ ich den Dingen ihren Lauf, den ich sowieso nicht hätte beeinflussen können, und wartete alles weitere geduldig ab. Aber ich hatte zum erstenmal das bestimmte Gefühl, daß mir das Glück, mit heiler Haut diesem Inferno zu entrinnen, gelächelt hatte.
Das Jahr 1944 ging zu Ende, ohne daß die Wehrmacht sich meiner erinnerte.
Daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, leuchtete jetzt bereits dem letzten SS - Schützen ein. Die stolzen Fahnen, die jahrelang über dem Eingang des Lagers geflattert hatten, wurden seit Monaten nicht mehr gehiẞt. Der Ausdruck unerschütterlichen Vertrauens zu der Politik ihres Führers und die Miene herrenmenschlicher Überlegenheit in den Gesichtern der SS - Offiziere, Dienststellenleiter und Blockführer waren erloschen. Jetzt kam es nur noch darauf an, welche
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