Im Spätsommer 1944 wurde das Recht der Meldung zur Division Dirlewanger auch auf die politischen Häftlinge ausgedehnt, das heißt auf solche, die wegen Hochverrats oder Vorbereitung zum Hochverrat vorbestraft waren.
Da man annahm, daß die Zahl der Meldungen nicht groß sein würde, ließ der Lagerführer Kolb alle in Betracht kommenden Häftlinge auf dem Appellplatz antreten und richtete an sie die Frage, wer von ihnen nicht bereit sei, für das bedrohte Vaterland zu kämpfen. Durch diese Formulierung erhielt die Frage einen tükischen Charakter. Jeder wußte, daß die Nichtmeldung einem Eingeständnis der Gegnerschaft gleichkam, und jeder wußte auch, welche Folgen ein solches Eingeständnis nach sich ziehen würde. Es wurde später óft darüber gesprochen, ob es nicht ehrlicher und tapferer gewesen wäre, wenn alle Befragten einmütig dieses Bekenntnis abgelegt, die Frage nach der Bereitschaft zum Heldentod verneint hätten, Doch ist diese Untersuchung müßig. Wer viele Jahre im Konzentrationslager gelebt und tausend Tode überwunden hat, will zuletzt nicht an einer rhetorischen Tücke zugrundegehen. Ich bewundere diejenigen, die vor die Front traten und sich ihrer Gegnerschaft klar und eindeutig bekannten, aber ich verstehe auch alle anderen. Wir hatten gelogen wie in ähnlichen Fällen tausendmal; keiner von uns wäre so keck, um nicht zu sagen verrückt gewesen, der Lagerführung seine tiefsten Geheimnisse auf die Seele zu binden, und wenn je Täuschung berechtigt war, dann in diesem Fall, Gewiß, die Aussichten auf ein Gelingen des geheimen Wunsches zur Flucht und Freiheit waren gering; aber nicht geringer als die Aussichten derer, die es wagten, nein zu sagen. Die einen rechneten mit der Möglichkeit, zu den Russen überlaufen zu können, die anderen mußten mit der Lager- SS fertig werden. Ich lasse dahingestellt, welche Aussicht berechtigter war. Im Herbst 1944 verließen einige Hundert politische Häftlinge das Lager, um in der Uniform von SS - Männern zur Division Dirlewanger zu gehen. Viele von ihnen sind gefallen. Die unvollständigen, durch Furcht vor der Zensur entstellten Be
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