XXII GÖTZENDÄMMERUNG
Schon im Mai des Jahres 1940, fünf Wochen nach meiner Einlieferung in das KZ, war eine Musterungskommission der Wehrmacht im Lager erschienen, um die Angehörigen des Jahrganges 1900 auf ihre Wehrtauglichkeit zu untersuchen. Die Untersuchungen, die mehrere Tage dauerten, fanden in der Baracke 14 statt und waren nicht sehr gründlich. Auch ich wurde zur Musterung befohlen und k.v. geschrieben. Wir wurden für den Wehrpaß in Zivil fotografiert, der Paẞ kam zu den Akten, die Kommission reiste wieder ab und alles schien erledigt.
Es war nicht sehr wahrscheinlich, daß Hitler sich eines Tages auf den Heldengeist der von ihm in die Konzentrationslager verschickten Staatsbürger besinnen würde. Die Untersuchung erschien uns als eine der üblichen Formalitäten, und der Gedanke, daß man mich einmal zur Verteidigung einer Sache, die nicht meine Sache war, zwingen könnte, verlor sich im Laufe der Jahre.
Drei Jahre später, im Sommer 1943, wurden die wehrunwürdigen Berufsverbrecher des Lagers zum Kampf für das Vaterland aufgerufen. Die Meldung war freiwillig und die Truppe, zu der die Freiwilligen kamen, war die SS- Panzerdivision Dirlewanger. Die Geschichte dieser Division ist die Geschichte eines Verbrechers. Dirlewanger hatte sich als höherer SS - Offizier die Ungnade seines obersten Kriegsherrn zugezogen, war aber wieder in Gnaden aufgenommen und hatte sich das Recht erworben, eine Bewährungsformation, die für den rücksichtslosesten Einsatz in vorderster Linie, hauptsächlich zum Kampf gegen Partisanen, ausersehen war, zu kommandieren. Da der Chef dieses Haufens selbst, nach Meinung der obersten
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