schenmassen frei, die nun in die Kriegswirtschaft überführt werden sollten. Der Ballonbau folgte diesem Zuge der Zeit und stellte sich auf weibliche Belegschaft um. Das Häftlingskommando löste sich auf und ging in andere Betriebe über. Mich beorderte der Arbeitseinsatz in das Baubüro der Bauleitung Oranienburg der Waffen- SS und Polizei, wo ich ein interessantes Arbeitsgebiet vorfand. Besser als an irgendeiner anderen Stelle des Lagers gewann ich hier Einblick in die Vorhaben der SS. Ein reiches Archiv an Plänen, Bauzeichnungen, Statistiken, Schriftwechsel und ähnlichem Aktenmaterial lieferte mir die Unterlagen für viele Angaben in diesem Bericht. An Hand dieses Materials erfuhr ich Wesentliches über die Gründungs- und Entwicklungsgeschichte des Lagers. Die Pläne und Baubeschreibungen unterrichteten mich von Zweck und Raumgliederung der einzelnen Bauwerke. Durch sie nahm ich Kenntnis von mancher charakteristischen Tatsache, zum Beispiel, daß es im Zellenbau Räume mit schalldicht gedoppelter Wandung gab, daß der Exekutionsraum in der Station Z im Herbst 1942 in einen Gasraum umgebaut worden war, daß das ,, Haus Eicke", die Dienstwohnung des Obergruppenführers Eicke, ein und eine halbe Million Reichsmark gekostet hatte und daß die Kaserne III, auf deren Konto Unsummen von Baugeldern verrechnet wurden, in Wirklichkeit gar nicht existierte.
Vorstand und Leiter des Baubüros war der SS- Untersturmführer Köhlinger, ein kleiner Hypochonder, der gerne tobte und schrie, aber gemessen an seinem Nachfolger, dem Hysteriker Josef Schnöll aus Salzburg , zu ertragen war. Im Sommer 1943 wurde Köhlinger als Bauleiter zum SS- Truppenübungsplatz Kurmark bei Lieberose versetzt. Leider, denn er war immer noch ein kleineres Übel als Schnöll, der feige war, wie alle Drückeberger, nach außen hin aber den todesmutigen Offizier spielte, der keine andere Gelegenheit hatte, seine Unerschrockenheit unter Beweis zu stellen, als daß er seine bei ihm tätigen Häftlinge mit Ohrfeigen traktierte, und ihnen die Rationen oder die Prämienscheine entzog.
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