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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
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XIX

SACHSENHAUSEN HATTE EINE GROSSE ZUKUNFT

Die Luftschiffbau Zeppelin Gesellschaft , der ich von Oktober 1942 bis zum März 1943 als Bürosklave angehörte, war ein Rüstungsbetrieb und unterstand der Kontrolle der Wehrmacht und der SS. Er beschäftigte sich mit der Reparatur und Neu­anfertigung von Sperrballonen. Das Hauptwerk befand sich in Friedrichshafen. Der bekannte Konstrukteur Dr. Dürr kam zur Eröffnung des Zweigwerkes nach Oranienburg und rief auch uns Häftlingen einige ermunternde Worte zu. Der Büro­leiter, mein direkter Vorgesetzter, zeigte Verständnis für uns Häftlinge. Er gehörte nicht zu jenen Unentwegten, die in einem Konzentrationslagerinsassen unter allen Umständen einen Ver­brecher sahen, Er verschaffte uns eine Reihe von Erleichte­rungen, war stets höflich und zuvorkommend und ließ uns nie das Drückende unserer Lage durch ein überhebliches Beneh­men fühlen. Ich war den ganzen Tag vom Lager abwesend, hatte einen hellen und warmen Büroraum, einen lieben Ka­meraden Bruno Leuschner, der später einer gemeinen In­trige zum Opfer fiel, und den Umgang mit Zivilperosnen, die mir etwas von der Welt da draußen erzählen konnten und uns über die Entwicklung der militärischen und politischen Dinge auf dem Laufenden hielten.

Im Februar 1943 wurde das Kommando Ballonbau wieder aufgelöst. Es kamen Frauen zum Einsatz. Der totale Krieg, den Goebbels mit Pathos proklamiert hatte, und dem unsere schönsten deutschen Städte ihre totale Zerstörung verdanken, versklavte Frauen und Mädchen. Durch die Zerschlagung aller kleinbürgerlichen Unternehmen, von denen der National­sozialismus zu Beginn behauptete, sie ständen unter seinem ganz besonderen Schutz, durch die Schließung der Theater, Gaststätten und zahlloser Kleingeschäfte, wurden große Men­

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