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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
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ärzten, also Fachleuten aus allen Gebieten der Medizin, Unter ihnen befanden sich zahlreiche tüchtige Chirurgen, Internisten, Spezialärzte und Röntgenologen, die, da sie ja selbst Häft­linge waren, für das Wohlergehen ihrer Patienten in vorbild­licher Weise sorgten. Durch die großzügige Zuwendung von Medikamenten, Verbandstoffen und hochwertigen Nah­rungsmitteln seitens der norwegischen Häftlinge, denen wir in jener Zeit unendlich viel Gutes zu verdanken hatten, konnte auch die Betreuung der Kranken erfolgen. Die Mortalität der im Lager erkrankten Häftlinge, die sich jahrelang auf einer erschreckenden Höhe gehalten hatte, sank. Auf einen Durch­schnitt von täglich nur drei Todesfällen herabgemindert, nahm sie die Furcht vor dem Krankwerden von uns.

Gegen Ende des Jahres 1943 erwirkte der inzwischen zu einer weitläufigen und präzis arbeitenden Behörde ausgewachsene Arbeitseinsatz Prämienscheine, die Geldeswert besaßen und bis zur Höhe von 40 RM monatlich für den einzelnen an die Häftlinge ausgegeben wurden. Es lag ein nicht zu unterschät­zender Anreiz in diesem System. Stand die Höhe des Betrages auch in keinem Verhältnis zu der Höhe der Leistung, so machten die Verhältnisse, in denen wir uns befanden, doch den Erwerb von Prämienscheinen erstrebenswert, schon weil man nur mit solchen Scheinen Zigaretten bekommen konnte. Außerdem gab es jetzt auch alkoholfreies Malzbier, das besser schmeckte, als der bittere Lagerkaffee und in vielen von uns die Illusion eines gewissen Luxus erweckte. Durch diese Prä­mienscheine war es uns überdies möglich, auf Geldzuwen­dungen von zu Hause zu verzichten.

Betrachtet man alle diese Neuerungen und Besserungen, so möchte man meinen, ein Born reiner Menschenliebe habe sich plötzlich aufgetan, um uns durch eine Flut von Wohltaten für alles Leid der vergangenen Jahre zu entschädigen. Die Sonn­tage und freien Stunden verliefen jetzt nicht mehr so trostlos wie früher. Es fand täglich nur noch ein Appell statt. In der geräumigen Trockenbaracke der Wäscherei hatte sich ein Thea­ter etabliert. Szenen aus ,, Faust" wurden unter der Leitung

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