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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
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gleichfalls; die Nachfolger dieser beiden Unmenschen, deren Schuld keine irdische Strafe zu sühnen vermag, waren die Untersturmführer Kolb und Höhne, zwei Beamte, die im Ver­gleich zu den beiden vorhin Genannten als wahre Engel zu bezeichnen sind. Das um die gleiche Zeit ergehende Verbot, Häftlinge zu mißhandeln, wurde auch jetzt nicht immer be­folgt, schränkte aber die Exzesse ein. Der Laufschritt wurde abgeschafft, die Erlaubnis zur Durchführung von kulturellen und sportlichen Veranstaltungen wurde erteilt.

Die Arbeit in allen Betrieben lief jetzt auf Hochtouren. Tag und Nacht lärmten die Maschinen in den Hallen und Werk­stätten der Lagerindustrie. Unsere Freistunden wurden ge­kürzt, Waffen wurden produziert und Ausrüstungsgegenstände. Hunderte von Bombensuchern, jetzt Ukrainer und Polen , fuhren täglich nach Berlin , um die nichtexplodierten Luftminen zu beseitigen. In den ausgedehnten Waldungen von Sachsenhau­sen wuchsen Barackenstädte aus dem Boden. Das Baubüro wurde erweitert und der Arbeitseinsatz gegründet. Mit der Schaffung dieser Dienststelle verschwand ein Mißstand, der bis dahin Tausenden von Häftlingen das Leben erschwert, vielen sogar das Leben gekostet hatte, der kollektive Arbeitszwang. Bestand bis dahin die Verfügung, daß jeder Zugang ohne An­sehen der Person und ohne Berücksichtigung seiner zivilberuf­lichen Tätigkeit als Hilfsarbeiter arbeiten mußte, so sorgte jetzt eine eigene Behörde für einen möglichst individuellen Einsatz der Häftlinge. An Hand einer umfangreichen Kartei konnte jetzt jeder Häftling an den Platz gestellt werden, an dem er auf Grund seiner Fähigkeiten das beste zu leisten vermochte. Da die immer vielgliedriger werdenden Betriebe einen sehr großen, kaum zu befriedigenden Bedarf an Spezial­kräften aller Art anmeldeten, konnte es jetzt nicht mehr ge­schehen, daß ein Elektroingenieur mit Pickel und Schaufel arbeiten mußte. Einen weiteren Vorteil für uns Häftlinge brachte diese Neuerung auch insofern, als die Krankenpflege jetzt nicht mehr ausschließlich in Händen von SS - Ärzten und angelernten Pflegern lag, sondern in solchen von Häftlings­

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