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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
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mit ins Lager brachten. Auf dem Bauhof hinter der westlichen Lagermauer sah ich eines Tages einen alten holländischen Juden, der in einem Rasenstück kniete und mit vor Kälte zit­ternden Händen das spärliche Gras abrupfte, um es sich in den zahnlosen Mund zu stopfen. Im Kartoffelkeller der Küche wurden rohe Kartoffel, ja selbst Schalen gegessen und an irgendeiner Baustelle schmierten sich ukrainische Häftlinge das Isolierfett von elektrischen Kabeln auf ein Stück stein­hartes Brot. Was unter solchen Verhältnissen der Erlaẞ Himm­lers für uns bedeutete, bedarf keiner weiteren Ausführung. Die Zahl der Pakete, die nun täglich einliefen, ging in die Tausende. Man sah deutlich, in welchen Ländern noch ein wenig Wohlstand herrschte. Franzosen , Tschechen und Nor­ weger erhielten riesige Kisten, die letzteren durch das dänische und schwedische Rote Kreuz, die ihre Sendungen in Last­wagen direkt in das Lager leiteten. Auch die Polen hatten immer noch Speck in beträchtlichen Mengen zu versenden, während die Pakete der Deutschen schon den ganzen Mangel, den die Göringsche Forderung ,, Kanonen statt Butter" ver. ursachte, erkennen ließen. Mit um so größerer Dankbarkeit empfingen wir, was unsere Eltern, Frauen und Geschwister und Freunde uns schickten. Endlich konnte man einmal wie­der ein Stückchen Kuchen, einen Apfel oder gar ein Ei essen. Bohnen, Grieß, Hirse, Mehl, Zucker und Trockenmilch waren köstliche Gaben. Auf allen Herdstellen des Lagers, in den Werkstätten und Büros wurde gekocht, meistens unter den schwierigsten Umständen, denn natürlich war das Kochen offiziell nur in der Baracke und nur in den Freistunden ge­

stattet.

Eine andere, nicht minder begrüßte Änderung war die Ab­lösung des Kommandanten Loritz und einiger ihrer Brutalität wegen berüchtigter und gefürchteter SS- Bestien. An ihre Stelle traten mit dem neuen Kommandanten, SS- Standartenführer Kaindl, ältere Reservisten ohne Mordgier und Totschlag­gelüste. Der Lagerführer Suhren wurde nach Ravensbrück , in das Frauenlager, versetzt; Lagerführer Grünewald verschwand

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