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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
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3 Uhr hörte man plötzlich einen Schuß und sah einen der Gefangenen zu Boden stürzen. Zwei Sekunden später fiel wie­der ein Schuß und auch der andere Russe sank leblos um. Viele Stunden lagen die beiden Leichen am Tor. Was waren die Gründe zu dieser spontanen Exekution? Ein Scharführer hatte sich das kleine Sonntagsvergnügen geleistet, und aus dem Innern der Blockführerstube schießend, die beiden Rus­sen umgelegt. Niemand zog ihn dafür zur Rechenschaft. Im Gegenteil, vielleicht gratulierte ihm der Kommandant Lority am Abend dieses Tages zu dem Schießerfolg. Schießübungen dieser Art veranstaltete mit Vorliebe der SS- Unterscharführer Schubert, ein kleiner schlanker Mensch mit krankhaft fana­tischen Zügen, der bei jeder Gelegenheit zur Pistole griff und ohne weiteres schoß. Ging er nachts durch das Lager, gefiel es ihm, durch ein Barackenfenster in den Schlafraum des Blocks zu schießen, mit welchem Erfolg war ihm dabei völlig gleich­gültig.

Der Lebensstil des einstigen Schutzmanns Loritz aus Augsburg darf ohne Übertreibung als großartig bezeichnet werden. Er hielt sich Reitpferde, ein Flugzeug, Automobile, einen Jagd­wagen aus Mahagoni; er bewohnte ein prunkvolles Haus in der SS - Siedlung Sachsenhausen und ließ sich jenes nicht min­der komfortable Haus in Sankt Gilgen am Wolfgangsee bauen. Daß es ihm auch im Krieg an nichts mangelte, dafür legte sein Äußeres ein beredtes Zeugnis ab. Dick wie ein Walroß und strotzend vor Gesundheit schritt er gelegentlich die Front seiner Häftlinge ab, diese Armee grauen Elends, die unter seiner Leitung mit der Verköstigung so knapp gehalten wurde, wie nur immer möglich.

8 Weiß- Rüthel, Nacht und Nebel

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