genoß, jede nur erdenkliche Schandtat ungestraft begehen konnte. Ich erinnere an den Stubenältesten Musch, der sich kein Gewissen daraus machte, Menschen, denen er den Untergang geschworen hatte, bis zu einem bestimmten Termin ,.fertigzumachen". Ich sah mit eigenen Augen, wie er im Abortraum der Baracke einen jungen sterbenden Häftling aufforderte, ein Lied zu singen. Als der schon in die Agonie hinüberdämmernde Junge dieser Aufforderung nicht nachkam, schlug er ihn so lange ins Gesicht, bis er sah, daß es ein Toter war, den er züchtigte. Diese Bestie von einem Menschen verbot uns, vor Mitternacht auszutreten und schlug unbarmherzig jeden zu Boden, der es wagte, diesem Verbot zu trotzen. Der Grund zu dieser Verordnung war, daß er in dem Raum, in dem er schlief und durch den jeder, der austreten wollte, hindurch mußte, nicht gestört sein wollte. Er unterhielt sich um diese Zeit mit irgendeinem minderjährigen Polen .
Die absolute Rechtlosigkeit, die unser Leben völlig entwertete und nur noch von Zufällen abhängig machte, kam uns nie so stark zum Bewußtsein wie unter dem Regime Loritz. Die Zahl der Häftlinge, die auf der Flucht erschossen wurden, mehrte sich. Die SS machte sich einen Spaß daraus, Häftlinge, die mit den robusten Gepflogenheiten der Lagerbewachung noch nicht so vertraut waren, über die Postenkette zu treiben, indem sie beispielsweise dem Häftling die Mütze vom Kopf riẞ und in weitem Bogen fortschleuderte. Auf den Befehl, die Mütze wieder zu holen, rannte der Ahnungslose in die entsprechende Richtung, geriet dabei über die Postenlinie und bekam, ehe er sich versah, eine Kugel in den Leib. Auf der Flucht erschossen! Menschen, die auf diese ruchlose Art ums Leben gebracht worden waren, wurden rechts oder links vom Tor niedergelegt, wo man ihnen ein Schild auf die Brust band mit der Aufschrift: ,, Auf der Flucht erschossen!"
An einem Sonntag im März 1942 standen zwei russische Kriegsgefangene aus irgendeinem Grund vor dem Turm A, in Nähe des Fensters der Blockführerstube. Nachmittags gegen
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