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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
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Vernichtungsmethoden, alle diese Ereignisse waren nicht dazu angetan uns zu beruhigen.

Der neue Lagerführer Suhren eröffnete seine Tätigkeit mit Einführung verschärfter Methoden. Wir mußten uns die Haare bis auf die Länge von drei Zentimeter stehen und dann eine von der Stirne bis zum Nacken reichende Gasse, die soge­nannte Suhren- Allee hineinschneiden lassen. Es genügte Suhren nicht, daß wir Streifen an den Hosen, Kreuze auf dem Rücken und Nummern auf der Brust trugen, wir wurden auch noch am Körper gezeichnet. Als eines Abend während des Appells Leute herausgerufen wurden, die der Kunst des Tätowierens mächtig waren, entstand sofort das Gerücht, daß wir nun alle, wie die Häftlinge im Vernichtungslager Auschwitz , eine Nummer auf den Arm tätowiert bekommen sollten. Das Ge­rücht bewahrheitete sich zwar nicht, aber es übte doch seine Wirkung aus. Wir waren fest überzeugt, daß weitere Massen­exekutionen zu erwarten waren. Fast täglich fanden nun auch öffentliche Hinrichtungen statt. Aus den belanglosesten Grün­den wurden Häftlinge vor den Augen des gesamten Lagers ge­hängt. Bald war es der Vorwurf der Sabotage, der gegen sie erhoben wurde, bald der Vorwurf der Meuterei, An dem Tag, da der SS- Obergruppenführer Heydrich , der Protektor der Tschechoslowakei , ermordet wurde, ereilte 80 Prozent aller im Lager befindlichen Juden das Schicksal der Ver­nichtung. Wie vorher die Russen, wurden sie im grauen fen­sterlosen Lastwagen nach dem Industriehof und von dort in die Gaskammer geschafft. Tag und Nacht rauchten die vier Schlote des Krematoriums; der stinkende Qualm zog sich in breiten Schwaden über das Lager und gemahnte uns zu jeder Stunde an die Wertlosigkeit unseres Lebens und an die Ge­fahr, die uns drohte. Noch genoß die SS den Rausch ihrer Siege, ihrer Allmacht und Größe. Ihre Arroganz und Über­heblichkeit kannte keine Grenzen. Der zweite Lagerführer Grünewald, ein Mensch, der schon im Lager Dachau Erheb­liches geleistet hatte, inspizierte die Arbeitsplätze und brachte unbarmherzig jeden Häftling, der etwas tat, was seiner An­

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